2. September 2026
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Daniel's Daily
Daniel's Daily — Episode 10

Alle vier Minuten

265.942 polizeilich erfasste Opfer häuslicher Gewalt, 132 getötete Frauen, mehr als 12.000 fehlende Frauenhausplätze: Warum die Zahlen des BKA-Lagebilds ein Muster zeigen.

1. September 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Alle vier Minuten. So oft wird in Deutschland eine Frau als Opfer ihres Partners polizeilich registriert. Rund um die Uhr, das ganze Jahr. Und das sind nur die Fälle, die überhaupt eine Anzeige nach sich ziehen. Die größte Dunkelfeldstudie, die das Land bisher hatte, legt nahe, dass bei den meisten Gewaltformen weniger als jede zehnte Tat aktenkundig wird. Rechnet man das hoch, müsste die Uhr nicht auf vier Minuten stehen, sondern auf etwa zwanzig Sekunden.

Das jüngste Lagebild des Bundeskriminalamts weist für 2024 265.942 Menschen als Opfer häuslicher Gewalt aus. Ein neuer Höchststand, fast 18 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Rund drei Viertel der Opfer sind weiblich. 132 Frauen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, 308 überlebten einen vollendeten oder versuchten Tötungsversuch. Alle zwei bis drei Tage tötet ein Mann in Deutschland seine Partnerin. Fast jeden Tag gibt es einen Versuch.

Das Muster vor dem Schlag

Die Forschung zu Beziehungsgewalt hat vor gut zwei Jahrzehnten ihren Blickwinkel verschoben. Der Soziologe Evan Stark hat dafür den Begriff geprägt, der das Fachgebiet seither dominiert: Coercive Control, Zwangskontrolle. Seine Erkenntnis lautet, dass der Schlag selten der Anfang ist, sondern die Fortsetzung eines Systems, das lange vorher beginnt. Kontrolle über Geld, über Bewegung, über Kontakte. Wer darf mit wem reden, wer wohin fahren, wo ist das Handy, wo das Auto, wo bist du gerade.

Zwangskontrolle gilt heute als der stärkste bekannte Vorläufer tödlicher Gewalt, stärker als die Zahl der Schläge davor. Und der gefährlichste Moment in einer solchen Beziehung ist nicht der offene Streit, sondern die Trennung, jene Phase, in der die Kontrolle entgleitet. Ein Großteil der Tötungen von Frauen durch Partner geschieht in diesem Zusammenhang.

Wer fragt, warum eine Frau nicht einfach geht, hat diesen Befund noch nicht gehört. Weil das Gehen der Moment ist, den die Statistik als den tödlichsten kennt.

Das Werkzeug der Kontrolle ist digital geworden. Das BKA weist Straftaten im digitalen Raum inzwischen eigens aus. Im Kontext von Partnerschaftsgewalt stieg die Zahl der Opfer digitaler Gewalt 2024 um fast elf Prozent. Cyberstalking, App-Überwachung, Ortung: Der getrackte Wagen ist keine Ausnahme, sondern Stand der Technik.

Die Herkunftsfrage und ihre unbequeme Antwort

In den Kommentarspalten zu jedem dieser Fälle kommt dieselbe Frage. Ist das nicht ein Problem, das mit der Zuwanderung ins Land gekommen ist? Das Lagebild lässt beide Hälften der Antwort zu. Von den rund 216.000 Tatverdächtigen häuslicher Gewalt 2024 waren gut 139.000 Deutsche und knapp 77.000 Nicht-Deutsche. Zwei von drei Tätern haben einen deutschen Pass. Wer das Problem auf Migration reduziert, entlastet die Mehrheit derer, die es verursachen.

Die andere Hälfte gehört dazu. Nicht-Deutsche stellen etwa 15 Prozent der Bevölkerung und 36 Prozent der Tatverdächtigen. Sie sind überrepräsentiert. Das BKA erklärt es mit der Altersstruktur, in der unter Zugewanderten junge Männer stark vertreten sind, mit Risikofaktoren wie Armut und unsicheren Perspektiven, mit dem Anzeigeverhalten. Entscheidend ist ein Punkt, der in der pauschalen Zuschreibung untergeht: Diese Gewalt bleibt fast immer innerhalb der Beziehung. Deshalb sind auch die Opfer überproportional nicht deutsch. 83.000 der 266.000 Opfer, bei Partnerschaftsgewalt 56.000. Migrantische Männer schlagen also vor allem migrantische Frauen, deren Aufenthaltsstatus oft an der Ehe hängt und für die der Weg aus der Wohnung noch schmaler ist.

77,7 Prozent der Tatverdächtigen sind Männer. Das Problem hat keine Herkunft, es hat ein Geschlecht.

Ein Rechtsanspruch, der zu spät kommt

Um die Istanbul-Konvention zu erfüllen, die Deutschland unterzeichnet hat, bräuchte das Land rund 19.900 Frauenhausplätze. Es gibt etwa 7.800. Es fehlen mehr als 12.000. Allein 2022 fanden über 16.000 Schutzsuchende keinen Platz, mehr als 10.000 davon mit Kindern. Jede vierte Frau, die aufgenommen wird, muss ihren Aufenthalt teilweise oder ganz selbst bezahlen. Für die Flucht vor dem Mann, der sie schlägt.

Der Bundestag hat im Januar 2025 das Gewalthilfegesetz beschlossen. Erstmals gibt es einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung, unabhängig von Wohnort, Einkommen und Aufenthaltsstatus. Der Bund beteiligt sich mit 2,6 Milliarden Euro. Der Anspruch wird am 1. Januar 2032 einklagbar. Bei den Zahlen von heute sterben bis dahin noch mehrere hundert Frauen durch ihren Partner, bevor das Recht, das das Gesetz ihnen gibt, wirksam wird. Die elektronische Fußfessel nach spanischem Vorbild, mit einem Zweitgerät für die Betroffene, ist angekündigt. Spanien hat damit die Zahl der Frauenmorde messbar gesenkt.

Dazu kommt, was Beratungsstellen seit Jahren beklagen: Gewalt im sogenannten sozialen Nahraum wird in der Praxis oft milder bestraft als dieselbe Tat gegen Fremde. Der Beziehungskontext wirkt strafmildernd, Täter behalten häufig das Sorgerecht. Eine Ohrfeige in der Kneipe ist Körperverletzung. Eine Ohrfeige in der Küche ist zu oft ein Beziehungsstreit. Und die Sprache tut ihr Übriges. Wenn ein Mann seine Partnerin tötet, heißt es in Polizeimeldungen und Lokalteilen bis heute oft Beziehungsdrama, Familientragödie, Eifersuchtstat. Wörter, die aus einer Tat ein Unwetter machen. Etwas, das über zwei Menschen hereinbricht, statt etwas, das einer dem anderen antut.

Zur Folge

Anlass dieser Ausgabe von Daniels Daily ist der Fall des YouTubers Jean-Pierre Krämer, der in einem Video eingeräumt hat, seine Frau geschlagen zu haben, und gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt. Daniel Fürg nutzt die kurze mediale Aufmerksamkeit, um das BKA-Lagebild zu lesen, das Muster der Zwangskontrolle zu erklären und die Lücken im Hilfesystem zu benennen. Wer selbst Gewalt in einer Beziehung erlebt oder jemanden kennt, bei dem der Verdacht besteht: Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist unter 116 016 kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar.

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