Das Vakuum
Am 20. Oktober 2011 starb Muammar al-Gaddafi. Fünfzehn Jahre später hat Libyen zwei Regierungen, keine nationale Wahl seit 2014 — und eine Lehre, die weit über das Land hinausreicht.
Ein Abwasserrohr bei Sirte, ein blutender Mann, Handyvideos. Am 20. Oktober 2011 endete die 42-jährige Herrschaft Muammar al-Gaddafis in einer Szene, die niemand abschließend aufgeklärt hat. Noch am selben Abend sagte Hillary Clinton vor laufender Kamera, in Anlehnung an Cäsar: We came, we saw, he died. Es klang nach einem Sieg der Freiheit mit Luftunterstützung. Fünfzehn Jahre später regieren in Tripolis und im Osten zwei konkurrierende Kabinette, das letzte national gewählte Parlament stammt aus dem Jahr 2014, und Europa kennt Libyen vor allem noch als Küste, von der Boote ablegen.
Die bequeme Erzählung lautet, es habe schlicht keinen Plan für den Tag danach gegeben. Diese Lesart stimmt nicht ganz. Schon im September 2011, Wochen vor Gaddafis Tod, beschloss der UN-Sicherheitsrat eine Unterstützungsmission für Libyen, mit Aufgaben von öffentlicher Sicherheit über Verfassungsprozess bis Wahlvorbereitung. Nur wurde aus diesen Vorbereitungen keine tragfähige Ordnung. Barack Obama fasste das 2016 in einem Satz zusammen, der länger nachhallt als jede NATO-Bilanz: der größte Fehler seiner Präsidentschaft sei gewesen, failing to plan for the day after what I think was the right thing to do in intervening in Libya.
Was Gaddafi hinterließ — und was fehlte
Der libysche Staat besaß 2011 Behörden, Ministerien, Verfassungsdokumente. Was fehlte, waren unabhängige Institutionen, die die Herrschaft eines Mannes hätten überdauern können. Parteien waren per Gesetz verboten. Statt eines Parlaments gab es ein System der Volkskongresse. Die Armee hielt der Oberst bewusst schwach, aus Furcht vor Putschen. Ein Diktator lässt sich stürzen. Institutionen, die es nie gab, lassen sich nicht wiederherstellen.
In diese Lücke drängten die Milizen des Bürgerkriegs. Ein folgenreicher Fehler der Übergangszeit war, sie zu bezahlen statt zu entwaffnen. Zehntausende Kämpfer wurden auf staatliche Gehaltslisten gesetzt. Damit etablierte sich Waffengewalt als Geschäftsmodell. Die hoffnungsvolle Wahl von 2012 trug zunächst — bis das Experiment 2014 zerbrach, zwei Parlamente Legitimität beanspruchten und im Osten mit Khalifa Haftar ein ehemaliger Gaddafi-General zum starken Mann aufstieg. 2019 versuchte er Tripolis militärisch zu nehmen. Vierzehn Monate Krieg um die Hauptstadt, russische Söldner auf seiner Seite, die Türkei auf der Gegenseite. Libyen war längst Stellvertreterschauplatz.
Daniel Fürg formuliert in der Folge eine zentrale Zuspitzung:
Das Vakuum ist für seine Bewohner profitabel geworden. Viele einflussreiche Akteure leben vom Status quo und hätten durch einen Machtwechsel etwas zu verlieren. Wer ein Ölventil, einen Grenzübergang oder eine bezahlte Miliz kontrolliert, hat es nicht eilig mit Wahlen.
Wie konkret das gemeint ist, zeigte der September 2025. Bewaffnete legten tagelang zwei Pipelines im Westen still, rund eine Million Barrel Produktionsausfall nach UN-Angaben. Das Öl — Afrikas größte nachgewiesene Rohölreserven — ist zugleich Klammer und Lähmung. Die Zentralbank verteilt die Einnahmen in alle Landesteile; um diese Verteilung wird erbittert gestritten. Den Preis zahlt die Bevölkerung. Am sichtbarsten im September 2023, als in Derna zwei vernachlässigte Dämme brachen und ganze Viertel ins Meer rissen. UN-Zahlen nennen für die Flutkatastrophe im Nordosten mehr als 4.300 Tote, Tausende blieben vermisst. Weltbank, UN und EU fanden später Wartungsstau und Konstruktionsmängel.
Drei Fernwirkungen, die bis heute tragen
Das Vakuum blieb nicht in Libyen. Die erste Fernwirkung betrifft Europa unmittelbar. Seit 2016 bildet die EU die sogenannte libysche Küstenwache aus, 2017 schloss Italien mit der Regierung in Tripolis ein Abkommen. Seither werden Menschen auf See abgefangen und zurückgebracht — in ein Land, dem eine unabhängige UN-Untersuchungsmission 2023 attestierte, es gebe stichhaltige Gründe zur Annahme, dass an Migranten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen würden: durch Inhaftierung, Folter, Versklavung. Europa hat sich den Türsteher gekauft, den Gaddafi einst selbst zu sein anbot — und damit Kräfte stabilisiert, deren Macht aus dem Vakuum stammt.
Die zweite Fernwirkung reicht in den Sahel. Waffen aus geplünderten Arsenalen und kampferfahrene Rückkehrer verstärkten bestehende Konflikte, Mali 2012 war die erste Eskalation. Die späteren dschihadistischen Aufstände und Militärputsche hatten eigene lokale Ursachen; Libyens Zerfall wirkte als Brandbeschleuniger, wie bereits ein UN-Bericht Anfang 2012 festhielt.
Die dritte Fernwirkung ist die leiseste. Gaddafi hatte Ende 2003 nach Verhandlungen mit Washington und London seine Massenvernichtungsprogramme aufgegeben und war in die Völkergemeinschaft zurückgeholt worden. Acht Jahre später griff die NATO ein, er starb nach seiner Gefangennahme. Nordkoreas Staatsmedien führen Libyen seither als Warnung an, erstmals schon im März 2011: Wer abrüste, könne sich auf westliche Zusagen nicht verlassen. Als ein amerikanischer Sicherheitsberater 2018 öffentlich vom Libyen-Modell für Pjöngjang sprach, galt das selbst in Washington als diplomatischer Sprengsatz.
Ein neuer Fahrplan, und wie man ihn liest
Ausgerechnet zum Jahrestag ist die Lage so beweglich wie lange nicht. Ende August 2025 unterzeichneten unter UN-Vermittlung je zwei Vertreter der Einheitsregierung, Haftars Generalkommando, des Repräsentantenhauses und des Hohen Staatsrats ein Abkommen: Präsidentschafts- und Parlamentswahlen binnen höchstens 24 Monaten, unter einer vereinten Exekutive und einer neu besetzten Wahlkommission. Das Repräsentantenhaus billigte den Text am 14. September, der Hohe Staatsrat lehnte ihn am 5. Oktober ab. Am 31. Oktober läuft nach derzeitigem Beschluss das Mandat der UN-Mission aus und muss im Sicherheitsrat verlängert werden.
Gescheiterte Fahrpläne hat Libyen viele gesehen: Skhirat 2015, Berlin 2020, der geplatzte Wahltermin im Dezember 2021. Deshalb lohnen sich drei Prüffragen für jede Libyen-Meldung der kommenden Monate. Erstens: Wer handelt da eigentlich? In einem Staat mit konkurrierenden Regierungen ist die Formulierung Libyen hat beschlossen meist zu kurz gegriffen. Zweitens: Eine angekündigte Wahl ist noch keine Wahl — Termine wurden angekündigt, verschoben und begraben. Drittens: Libyen taugt nicht als endgültiger Beweis für oder gegen Interventionen. Es stellt die unbequemere Frage, was man dem Tag danach schuldet.
Der Sturz eines Regimes ist der leichteste Teil. Die Ordnung danach ist die eigentliche Aufgabe. Sie kostet Jahre statt Monate. Und wer am Sturz mitwirkt, trägt an dieser Aufgabe mit, ob er sich dazu bekennt oder nicht.
Daniel Fürg zeichnet in dieser Folge von Daniels Daily den Sturz von 2011 nach, erklärt, warum aus den vorhandenen Übergangsplänen keine Ordnung wurde, und ordnet den jüngsten Vermittlungsanlauf ein, ohne ihn prognostisch zu überhöhen. Alle Quellen — von den UN-Resolutionen über das Obama-Interview bis zum Abkommen vom August 2025 — sind auf der Episodenseite verlinkt.