Das Wunder auf der Wiese
Auf der Theresienwiese wächst in knapp zwölf Wochen ein temporäres Stadtviertel für Millionen Besuche. Warum ausgerechnet dieses Großprojekt in einem Land funktioniert, das sonst mit Großprojekten hadert.
Am Samstagmittag, Punkt zwölf, wird in der Festhalle Schottenhamel ein Holzhammer auf einen Zapfhahn schlagen. Zwölf Böllerschüsse vor der Bavaria geben den Ausschank frei. Zwei Sätze, ein Ritual, ein Kalenderfixpunkt. Was dabei leicht übersehen wird: Der Ort, an dem das geschieht, war Ende Juni noch eine leere Fläche. In knapp zwölf Wochen ist auf der Theresienwiese ein temporäres Stadtviertel gewachsen — mit eigenen Straßen, eigener Strom- und Wasserversorgung, eigenem Sanitätsdienst, eigenem Fundbüro. Nach sechzehn Tagen wird es bis weit in den November hinein wieder abgebaut. Als wäre nichts gewesen.
Betriebsdaten einer mittleren Großstadt
Die Zahlen der Wiesn liest man am besten wie die Bilanz einer Kommune. Vierzehn große und einundzwanzig kleine Festzelte auf der Hauptwiesn, dazu drei auf der Oidn Wiesn. Rund 120.000 Plätze. 2,8 Millionen Kilowattstunden Strom flossen im vergangenen Jahr durch die temporären Leitungen. Am Ende zählte die Stadt rund 6,5 Millionen Besuche und 6,7 Millionen ausgeschenkte Liter Bier — rechnerisch eine Maß pro Besuch.
Interessanter als die Schauwerte ist das Kleingedruckte. 116.000 Maßkrüge fingen die Ordner ab, bevor sie als Souvenir das Zelt verließen, 7.250 pro Festtag. Das Fundbüro registrierte 5.656 Gegenstände: 832 Geldbeutel, 554 Ausweise, 447 Handys, 30 Armbanduhren. Und die Festleitung rüstet nach. Nach zwei kurzzeitigen Sperrungen wegen Überfüllung im vergangenen Jahr entsteht ein neuer Koordinierungsraum, in dem eine KI Kamerabilder auf hohe Personendichten hin auswertet. Eine über 200 Jahre alte Institution zieht Sensorik ein.
Der Kontrast zu anderen deutschen Großprojekten ist auffällig. Dasselbe Land, das vom Spatenstich bis zur Eröffnung des Berliner Flughafens gut vierzehn Jahre brauchte, hebt hier jeden Sommer verlässlich ein Volksfest aus dem Boden.
Die Wiesn ist ein Prozess, der sich einmal im Jahr als Ereignis verkleidet.
Vom Pferderennen zur Weltmarke
Der Ursprung liegt 1810, bei der Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Ein Pferderennen auf der Wiese vor den Toren der Stadt bildete den Abschluss. Entscheidend war das, was danach kam: die bescheidenste aller großen Entscheidungen. Nochmal. Aus dem Rennen wurde ein Landwirtschaftsfest, aus Bierbuden wurden Hallen, aus Hallen die heutigen Zeltpaläste. 26 Ausgaben fielen aus, wegen Kriegen, Choleraepidemien, Inflation, zuletzt zwei Jahre wegen Corona. Am Samstag beginnt die 191.
Ökonomisch ist das Fest zu einem Faktor geworden, den die Stadt in einer Modellrechnung mit 1,6 Milliarden Euro Wirtschaftswert beziffert. Die Maß kostet in diesem Jahr zwischen 14,80 und 15,90 Euro. Zur Einordnung: 2013 lag selbst die teuerste Maß noch unter zehn Euro, 2014 wurde die Marke erstmals gerissen. Die Preiskritik ist inzwischen so ritualisiert wie der Anstich selbst — und sie hat einen wahren Kern, auch wenn Oktoberfestbier ein eigens eingebrautes, stärkeres Saisonbier ist und der Eintritt auf die Hauptwiesn nichts kostet.
Zugleich globalisiert sich das Fest an den Rändern. Zwei Drittel der Besucher kommen aus München und dem Umland, am mittleren Wochenende aber reist fast jeder dritte Gast aus dem Ausland an. Und das, obwohl die Stadt seit 1985 nicht mehr eigens für die Wiesn wirbt. Nach Münchner Angaben gibt es weltweit inzwischen mehr als 2.000 Oktoberfeste nach ihrem Vorbild — von Blumenau in Brasilien über Cincinnati bis Qingdao. Für einen großen Teil der Welt sieht Deutschland aus wie Bayern.
Warum es funktioniert
Bleibt die Frage, warum ausgerechnet dieses Großprojekt gelingt. Eine Deutung in drei Punkten. Erstens: Die Wiesn wurde nie als Weltereignis entworfen. Sie wuchs durch Wiederholung, über mehr als zwei Jahrhunderte, jedes Jahr eine Iteration. Das Wissen aus diesen Wiederholungen wird von Wirts- und Schaustellerfamilien über Generationen weitergetragen. Institutionelles Gedächtnis macht das Projektmanagement jedes Jahr besser.
Zweitens: Die Zuständigkeiten sind verteilt und trotzdem klar. Stadt, Wirte, Brauereien, Schausteller, Sicherheitskräfte. Viele arbeiten Jahr für Jahr wieder zusammen und wissen, wo die eigene Aufgabe endet und die nächste beginnt. Kein Konsortium muss neu erfunden werden, keine Rolle neu ausgehandelt.
Drittens, und das ist der unmodernste Punkt: die Bierbank. In den Zelten teilen Millionen Besucher Tische mit Fremden. In einer Zeit, in der Einsamkeit als gesellschaftliches Problem wächst und ein großer Teil der Begegnung über Bildschirme läuft, funktioniert hier etwas erstaunlich unmittelbar. Daniel Fürg fasst es so:
Auf der Bierbank braucht Begegnung keine Vermittlung, ein Tisch, an dem noch Platz ist, genügt.
Die aktuelle Folge von Daniels Daily zeichnet die Wiesn als das vielleicht unwahrscheinlichste Großprojekt Deutschlands nach — von der Hochzeit 1810 über die Betriebsdaten der Gegenwart bis zu den weltweiten Ablegern. Das Attentat von 1980, den schwersten rechtsterroristischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik, kündigt die Folge bewusst als eigene, spätere Episode an.