Der ausgeladene Kanzler
Fünf Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt tritt nicht Friedrich Merz für die CDU auf, sondern Hendrik Wüst. Über einen Autoritätsverlust, der in Zahlen messbar wird.
Am 1. September steht in Sachsen-Anhalt der wichtigste Wahlkampfauftritt der CDU an, fünf Tage vor der Landtagswahl. Auf der Bühne wird Hendrik Wüst stehen, der Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen. Der Bundeskanzler kommt nicht. Nicht, weil er keine Zeit hätte. Ministerpräsident Sven Schulze hat Friedrich Merz erst gar nicht eingeladen, sein Stellvertreter Marco Tullner erklärt öffentlich, er habe „kein großes Bedürfnis" an einem Auftritt des Kanzlers in seinem Wahlkreis. Der Anlass wäre ein historischer: Die AfD, deren Landesverband der Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch führt, steht bei rund 43 Prozent. Sie könnte erstmals ein Bundesland regieren. Und der Kanzler bleibt in Berlin.
Die Zahlen hinter dem leeren Podium
Der Rückzug ist keine Marotte einer Landespartei. Er ist die betriebswirtschaftliche Konsequenz von Umfragewerten, die in der Bundesrepublik ohne Vorbild sind. Im ARD-Deutschlandtrend vom Juli hatte kein amtierender Kanzler in fast dreißig Jahren einen schwächeren Wert. Nicht Gerhard Schröder in der Agenda-Krise, nicht Angela Merkel während der Flüchtlingsdebatte, nicht Olaf Scholz am Ende der Ampel. Im RTL-Trendbarometer sind zuletzt 13 Prozent mit der Arbeit des Kanzlers zufrieden. Im ZDF-Politbarometer landet Merz bei minus 1,9 auf einer Skala, die bei minus 5 endet.
Die eigentlich brisante Zahl steht daneben: 80 Prozent der Befragten glauben, dass die CDU nicht voll hinter ihrem Vorsitzenden steht. Unter Unionsanhängern sind es 67 Prozent. Im Zufriedenheitsranking der Kabinettsmitglieder liegt der Regierungschef auf Platz 16 von 18. Der Chef geschlagen von fast der gesamten eigenen Regierungsmannschaft.
Ein Teil dieser Werte ist Erblast. Die schwerste, die ein Kanzler seit Jahrzehnten übernommen hat: Wirtschaft in der Dauerkrise, Weltlage im Ausnahmezustand, Koalition ohne Spielraum. Ein Nachfolger stünde vor denselben Strukturproblemen. Der andere Teil ist selbst produziert.
Die Sammlung der Unforced Errors
Ein tagelanges Personalchaos vor Beginn des Wahlkampfs, ausgelöst durch eine Kabinettsumbildung mit der Degradierung des profiliertesten Unions-Bundespolitikers aus Sachsen-Anhalt. Eine Stadtbild-Debatte, die vom Kanzler selbst angestoßen wurde und wochenlang die Regierungskommunikation überlagerte. Der strategische Urfehler vom Januar 2025, als im Bundestag erstmals eine Mehrheit mit Stimmen der AfD entstand – gegen den Rat der eigenen Parteigranden, begleitet von Protesten mit hunderttausenden Teilnehmern.
Auch die Messlatte hat der Kanzler selbst gelegt. Er hatte sich zugetraut, die AfD zu halbieren. Sie hat sich seither, je nach Vergleichspunkt, ungefähr verdoppelt. Auf der CDU-Klausur zu Jahresbeginn hatte er verkündet, bei allen fünf Landtagswahlen dieses Jahres stärkste Kraft zu werden. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD bei rund 40 Prozent oder darüber, mit riesigem Vorsprung.
Man kann aber nicht darüber streiten, dass ein Feldherr, der eine Schlacht zur Entscheidungsschlacht erklärt hat, auf diesem Feld nicht erscheint, weil seine eigenen Truppen ihn darum gebeten haben.
So beschreibt es Daniel Fürg. An dieser selbstgewählten Messlatte gemessen ist die Bilanz drei Wahlen vor der ersten Abrechnung verheerend.
Warum Autorität nicht wiederkommt, wenn sie erst einmal weg ist
Dass Regierungschefs bei Landtagswahlen zur Belastung werden, ist ein alter Befund der Wahlforschung. Reif und Schmidt haben Landtagswahlen als „Nebenwahlen" beschrieben – Wähler nutzen sie, um der Berliner Regierung einen Denkzettel zu verpassen. Regierungsparteien verlieren dort systematisch, quer durch Jahrzehnte. Auch Merkel wurde in späten Jahren in Ostwahlkämpfen leiser eingesetzt, Scholz zuletzt ebenso. Neu ist nicht das Verstecken. Neu ist, dass niemand es mehr für nötig hält, es zu verheimlichen.
Dahinter steht ein Mechanismus, der größer ist als eine Personalie. Autorität existiert nicht in Amtszimmern, sondern in den Erwartungen anderer. Ein Kanzler ist so mächtig, wie alle glauben, dass er morgen noch mächtig ist. Solange dieser Glaube trägt, wagt kein Ministerpräsident öffentliche Personalvorschläge. Kippt er, kippt alles auf einmal, weil jeder Einzelne rational handelt.
Warum Rücksicht nehmen auf jemanden, auf den die anderen auch keine Rücksicht mehr nehmen?
Die Politikwissenschaft kennt das als Lame-Duck-Problem. Es hat eine grausame Eigenschaft: Die Erwartung der Schwäche erzeugt das Verhältnis, das die Schwäche real macht. Deshalb sind die 80 Prozent aus dem Politbarometer gefährlicher als die 13 Prozent Zufriedenheit. Unzufriedenheit kann sich drehen. Der erloschene Glaube an Autorität fast nie.
Der wahlkampftaktische Preis dieser Entscheidung reicht damit über den 6. September hinaus. Eine Partei, die ihren Kanzler vor den Wählern versteckt, bestätigt öffentlich das Urteil, das die Umfragen über ihn fällen. Sie macht aus einer Schwäche eine Tatsache. Und sie liefert dem erklärten Hauptgegner das schönste Wahlkampfargument frei Haus: Nicht einmal die eigenen Leute glauben noch an ihn.
In der Folge „Der ausgeladene Kanzler" von Daniels Daily ordnet Daniel Fürg die Vorgänge um den Auftritt in Sachsen-Anhalt ein und legt die Zahlen aus Politbarometer, RTL-Trendbarometer und ARD-Deutschlandtrend nebeneinander. Es geht dabei weniger um Friedrich Merz als Person als um die Frage, wie Autorität funktioniert – und woran sie stirbt.
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Wer an diesem Abend redet und wer nicht, wird mehr über den Zustand der Regierungspartei aussagen als jedes Wahlprogramm.