Friedrich Merz: Die Rolle seines Lebens
Nach sechzehn Monaten im Kanzleramt steht Friedrich Merz mit historisch schlechten Zufriedenheitswerten da. Eine Spurensuche zwischen Protokoll, Biografie und den Erwartungen, die das Amt an seinen Träger hat.
Die Szene, die diesen Kanzler vielleicht am besten erklärt, ist keine Rede und kein Gipfel, sondern ein Fernsehstudio Ende August. In der RTL-Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz" wirft die Kinderärztin Bea Merscher dem Regierungschef vor, seinen Amtseid zu brechen und „menschenverachtende und zerstörerische Gesetze" zu machen. Es ist ein sehr harter Angriff, härter als das meiste, was ein Bundeskanzler in einem Studio zu hören bekommt, und man kann jede Abwehrreaktion menschlich verstehen. Aufschlussreich ist die Reihenfolge: Merz weist den Vorwurf zunächst als „persönliche Herabsetzung" zurück, die „über das normale Maß der Kritik hinaus" gehe, „harter Tobak", erst dann verteidigt er seine Politik. Zuerst die Person, dann die Sache. Wenige Monate zuvor hatte er dem Spiegel gesagt, über die Angriffe in den sozialen Medien: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen", ein Superlativ, der neben dem Protokoll der Vorgänger nicht besteht, neben den Verräter-Kampagnen gegen Willy Brandt, dem RAF-Terror der Schmidt-Jahre, den Jahrzehnten des Kohl-Spotts und der Galgenattrappe, die 2015 in Dresden per Schild für Angela Merkel „reserviert" war. Aufrechnen lassen sich diese Epochen nicht, und die digitale Dauerbeschimpfung ist eine eigene, reale Härte. Aber die Klage über das erlittene Unrecht ist bei diesem Kanzler kein Ausrutscher, sie ist ein Muster, und dieses Muster hat einen Preis.
Denn die Bilanz nach sechzehn Monaten liest sich wie die Geschichte eines Mannes, der gegen seine eigene Amtszeit prozessiert. Sie begann mit einer historischen Premiere, dem Scheitern im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl am 6. Mai 2025, 310 von nötigen 316 Stimmen, und sie führte von 25 Prozent Zufriedenheit vor Amtsantritt auf 13 im September 2026, den schlechtesten Kanzlerwert, den der ARD-DeutschlandTrend je gemessen hat. Dazwischen liegen die bekannten Reibungsmomente, der Bundestag als „kein Zirkuszelt", die „Drecksarbeit", das „Stadtbild" samt der Replik „Fragen Sie mal Ihre Töchter" und der Ansage, es gebe „gar nichts" zurückzunehmen, die Belém-Bemerkung, die der brasilianische Präsident öffentlich konterte, die geplatzten Verfassungsrichter-Wahlen, zuletzt 17,2 Prozent für die CDU in Sachsen-Anhalt. Regieren produziert Reibung, das unterscheidet Merz nicht von seinen Vorgängern. Was ihn unterscheidet, ist die Antwort auf die Reibung: der Gegenangriff auf den Fragesteller, die Zurückweisung vor der Einordnung, die Selbstbeschreibung als meistgeprüfter Kanzler der Geschichte. Vier Jahrzehnte lang war Friedrich Merz ein brillanter Verteidiger in eigener Sache, als Fraktionsredner, als Anwalt, als Mann, der dreimal anlaufen musste, um CDU-Vorsitzender zu werden, und der den Fraktionsvorsitz 2002 an Angela Merkel verlor, eine Konkurrenz, die Beobachter bis heute in seinem Umgang mit Kritik wiederzuerkennen glauben. Die These liegt nahe, beweisen lässt sie sich nicht: Der Wahlkampf um die eigene Person ist nie zu Ende gegangen. Er wird nur inzwischen aus dem Kanzleramt geführt.
Die Währung des Amtes
Dabei zeigt die Geschichte des Amtes ziemlich genau, wie seine Autorität entsteht. Willy Brandt, der Geschmähte, kniete in Warschau, eine Geste, die nicht ihm galt, sondern dem Land. Helmut Schmidt bekannte noch 2007, er sei gegenüber Hanns Martin Schleyer „in Schuld verstrickt", und verteidigte dennoch die Entscheidung des Deutschen Herbstes, ohne Ausflüchte, ohne Selbstmitleid. Und als der Dresdner Galgen auftauchte, verwies das Kanzleramt schlicht auf die Strafverfolgungsbehörden, der Vorgang blieb klein, weil ihn die Angegriffene nicht groß machte. Das Amt zahlt seine Autorität in einer einzigen Währung aus: im Verzicht auf die Verteidigung der eigenen Person. Zur Redlichkeit gehört, was gegen ein schnelles Urteil über Merz spricht. Seine Startbedingungen zählen zu den schwierigsten seit Jahrzehnten, eine strukturell schwache Wirtschaft, amerikanische Zölle als Druckmittel, dokumentierte russische Sabotage und Desinformation, eine AfD, die von jedem Fehler profitiert. Er ist, das ist der Faktenkern der machtpolitischen Deutung des Politikwissenschaftlers Albrecht von Lucke, der erste Bundeskanzler ohne jedes vorherige Regierungsamt, und es gibt die Momente, in denen er die Rolle findet: die massiv ausgeweitete Verteidigungswende, den bewusst in Kauf genommenen Konflikt mit der Trump-Regierung beim Jugendschutz, ausgerechnet von Lucke bescheinigt ihm, sich außenpolitisch „zur starken Kraft in Europa gemausert" zu haben. Der Befund ist also asymmetrisch, auf Gipfeln gelingt die Rolle öfter als im Umgang mit Kritik daheim, und genau das macht ihn hoffnungsvoller, als er klingt: Wer die Rolle irgendwo findet, kann sie grundsätzlich finden. Friedrich Merz bleiben bei regulärem Verlauf rund zweieinhalb Jahre. Entscheidend wird nicht die nächste verunglückte Formulierung sein, davon wird es weitere geben, bei jedem Kanzler. Sondern der Moment danach, ob dann das Amt antwortet, oder wieder der Verteidiger.