12. Oktober 2026
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Daniel's Daily — Episode 38

Das Kind

Am 5. Oktober überschritt die Meeresoberfläche im zentralen Pazifik erstmals seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen die Marke von 30 Grad. Ein möglicher Super-El-Niño bahnt sich an.

12. Oktober 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Peruanische Fischer tauften im 19. Jahrhundert eine warme Küstenströmung, die rund um Weihnachten erschien, auf den Namen El Niño — das Christkind. Sie konnten nicht ahnen, dass sie damit das größte Wetterschwungrad des Planeten benannten. Vergangene Woche, am 5. Oktober, hat dieses Schwungrad einen Wert erreicht, den es seit Beginn der modernen Messungen nicht gegeben hat: Die Meeresoberfläche der Beobachtungsregion Niño 3.4 im äquatorialen Pazifik überschritt im Flächenmittel die Marke von 30 Grad, 3,39 Grad über dem für dieses Datum üblichen Wert. Mehr als ein Grad wärmer als zum gleichen Zeitpunkt die beiden Jahrhundertereignisse 1997 und 2015.

Die US-Klimabehörde NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit auf 83 Prozent, dass das aktuelle Ereignis alle El Niños seit 1950 übertrifft. Die Weltwetterorganisation hält es für so gut wie sicher, dass es bis Februar 2027 anhält. Kaliforniens Gouverneur hat am 21. September vorsorglich den landesweiten Notstand ausgerufen. Was in den kommenden Monaten in den Schlagzeilen stehen wird, lohnt sich zu sortieren, bevor es dort steht.

Eine indische Monsunfrage, eine Weltentdeckung

Dass das Phänomen über Perus Küste hinaus ein globales ist, verdankt die Wissenschaft einem Umweg. 1903 übernahm der britische Mathematiker Gilbert Walker die Leitung der indischen Observatorien. Sein Auftrag: den Monsun vorhersagen, dessen Ausbleiben wenige Jahre zuvor eine Hungersnot mitverursacht hatte. Walker ließ Luftdruck-, Regen- und Temperaturdaten aus der ganzen Welt zusammenrechnen und fand ein Muster, das er Southern Oscillation nannte: Ist der Druck über Tahiti ungewöhnlich hoch, ist er über Australien ungewöhnlich tief — und umgekehrt. Eine Luftdruckschaukel über dem Pazifik.

Erst in den 1960er-Jahren erkannte der norwegisch-amerikanische Meteorologe Jacob Bjerknes, dass Walkers Schaukel am Himmel und die warme Strömung der Fischer im Meer ein und dasselbe System sind. Ozean und Atmosphäre, die einander antreiben wie zwei Zahnräder. Seither trägt das Phänomen den Doppelnamen ENSO — El Niño Southern Oscillation. Es gilt als stärkste natürliche Klimaschwankung des Planeten auf der Zeitskala von Jahren.

Die Mechanik ist, wenn man sie einmal sieht, verblüffend einfach. Im Normalzustand schieben die Passatwinde sonnenwarmes Oberflächenwasser nach Westen, vor Indonesien staut sich ein warmer Pool, vor Südamerika strömt kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser nach. In einem El-Niño-Jahr erlahmen diese Winde, das warme Wasser schwappt zurück nach Osten — wie Badewasser, wenn man aufhört zu pusten. Mit dem Wasser wandern die großen Regenzonen. Und damit die Zugbahnen ganzer Wettersysteme.

Was ein Super-El-Niño anrichten kann

Die Folgen sind keine Gewissheiten, sondern verschobene Wahrscheinlichkeiten. Wo der Regen normalerweise fällt — Indonesien, Australien, Teile Indiens — drohen Dürre und Waldbrände. Wo er normalerweise ausbleibt — Westküste Südamerikas, Teile Ostafrikas — Fluten und Erdrutsche. Kalifornien bekommt häufiger nasse Sturmwinter.

Die Vorgänger geben das Maß. 1997/98 forderte der damals stärkste gemessene El Niño nach UN-Schätzungen über 20.000 Todesopfer und rund 36 Milliarden Dollar Infrastrukturschäden. 2015/16 verlängerte das Ereignis die längste je registrierte globale Korallenbleiche und verschärfte Dürren im südlichen Afrika. Der Internationale Währungsfonds dokumentierte Preiseffekte auf Agrarmärkten, etwa bei Palmöl und Zucker.

Für Deutschland fällt die Antwort nüchterner aus, als manche Schlagzeile es gern hätte. Das Signal kommt nur abgeschwächt an. Der Super-El-Niño-Winter 2015/16 war mit 3,6 Grad einer der mildesten seit 1881 — der El-Niño-Winter 2009/10 dagegen brachte Dauerfrost. Daniel Fürg bringt es im Gespräch auf einen Satz:

Wer euch also einen deutschen Winter aus dem Pazifik-Thermometer vorhersagt, verkauft mehr, als die Wissenschaft hergibt.

Verstärker, nicht Auslöser

Was gern durcheinandergerät: El Niño ist kein Produkt des Klimawandels. Das Phänomen ist Jahrtausende alt, Korallen und Sedimente bezeugen es. Aber beide Effekte addieren sich. Eine Wärmespitze legt sich auf einen ohnehin steigenden Sockel. Starke Ereignisse haben in der Vergangenheit globale Rekordjahre begünstigt: auf 1997 folgte 1998, auf 2015 das Rekordjahr 2016. Forscher wie Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut halten es für möglich, dass 2027 das heißeste je gemessene Jahr wird.

Eine Ende August in Science erschienene Studie um die Klimaforscherin Julia Cole, die Korallen von den Galápagos-Inseln als Klimaarchiv nutzt, kommt zum Ergebnis, dass die jährlichen Temperaturschwankungen im östlichen äquatorialen Pazifik heute rund 36 Prozent stärker ausfallen als vor der Industrialisierung. Verstärker also, nicht Auslöser. Wer beides gleichsetzt, irrt. Wer es gegeneinander ausspielt, auch.

Drei Fragen helfen, die Meldungen der nächsten Monate zu sortieren: Beobachtung oder Prognose? Welches Hilfsverb — könnte, droht, nach Modellen möglich? Und welche Zeitskala — der einzelne Tag, die Saison, der Trend über Jahrzehnte? Fürg formuliert die Pointe so:

Die schlechtesten Debatten des Winters werden die sein, die einen kalten Dienstag gegen die Erderwärmung ausspielen oder einen warmen Dezember allein dem Klimawandel zuschreiben, obwohl gerade das Christkind mitheizt.

Zum Weiterhören

In seiner aktuellen Folge von Daniels Daily führt Daniel Fürg durch die Entdeckungsgeschichte Gilbert Walkers, die physikalische Mechanik der Südpazifik-Schaukel und die aktuellen Messdaten von NOAA und WMO. Dazu liefert er drei konkrete Prüffragen, mit denen sich El-Niño-Meldungen bis ins Frühjahr einordnen lassen.

Alle Messdaten, Behördeneinschätzungen und die zitierte Science-Studie sind auf der Episodenseite verlinkt.

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