19. August 2026
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Daniel's Daily
Daniel's Daily — Episode 1

Der Joker-Effekt: Wie der Spiegel der AfD hilft

Ein Fahndungsfoto auf dem Titel, ein Politiker, der es signiert: Wie der Spiegel der AfD eine Bühne baut. Und was ein Kinofilm darüber längst erzählt hat.

19. August 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Man muss sich diese Szene einen Moment lang ansehen, um zu verstehen, was hier gerade schiefläuft: Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, hält ein Spiegel-Cover in die Kamera, das ihn selbst zeigt, aufgemacht wie ein Fahndungsfoto, versehen mit der Zeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands". Dann zückt er einen Stift und signiert es, als wäre es ein Trikot nach gewonnenem Spiel. „Sehr gute Werbung", lässt er ausrichten, und man würde das gern als Zweckoptimismus eines Ertappten abtun, wenn nicht drei Wochen vor der Landtagswahl eine Umfrage seine Partei bei 43 Prozent sähe. Wer den Film Joker von 2019 gesehen hat, erkennt die Dramaturgie wieder: Der Talkshow-Moderator Murray Franklin zeigt den Clip eines gescheiterten Komikers, um ihn dem Millionenpublikum zum Gespött vorzuführen, lädt ihn anschließend ins Studio, um ihn bloßzustellen, und erschafft mit jeder Sekunde Sendezeit die Ikone, die er zu entlarven glaubt. Am Ende trägt halb Gotham Clownsmasken. Der Spiegel wollte warnen, das steht außer Frage, und die Titelgeschichte selbst mag jede Zeile ihrer Recherche wert sein. Nur erreicht die Recherche ein Publikum, das ohnehin gewarnt ist. Das Cover dagegen erreicht alle. Und es sagt, wenn man es mit den Augen eines Menschen liest, der diesem Land und seinen Institutionen längst misstraut, etwas vollkommen anderes als der Text dahinter: Dieser Mann wird gefürchtet. Von denen da oben.

Der Sauerstoff der Verstärkung

Die Kommunikationsforschung hat für diesen Vorgang seit Langem ein Vokabular, das in deutschen Redaktionen erstaunlich selten nachgeschlagen wird. Agenda-Setting heißt der älteste Befund: Medien bestimmen weniger, was Menschen über ein Thema denken, als worüber sie überhaupt nachdenken, und in dieser Woche denkt die Republik über einen Landespolitiker nach, den vor einem Jahr außerhalb Sachsen-Anhalts kaum jemand hätte benennen können. Der Sozialpsychologe Robert Zajonc wies schon in den Sechzigerjahren nach, dass bloße wiederholte Begegnung mit einem Gesicht Vertrautheit erzeugt und Vertrautheit vom Gehirn nur unzuverlässig von Zuneigung unterschieden wird. Die Medienforscherin Whitney Phillips schließlich beschrieb 2018 unter dem Titel „The Oxygen of Amplification", wie amerikanische Journalisten der extremen Rechten durch alarmierte Dauerberichterstattung eine Reichweite verschafften, die deren eigene Kanäle nie hergegeben hätten. Wer über ein Feuer berichtet und dabei Sauerstoff zuführt, löscht nicht. Die Geschichte liefert die Anschauung dazu frei Haus: Das Time Magazine kürte Hitler 1938 in warnender Absicht zum „Man of the Year", geblieben ist der Titel, nicht die Warnung. Donald Trumps Vorwahlkampf 2016 wurde auf rund zwei Milliarden Dollar an unbezahlter Medienpräsenz taxiert, ein beträchtlicher Teil davon kritisch gemeint und dennoch nützlich.

Chefredakteur Dirk Kurbjuweit verteidigt den Titel mit Rudolf Augsteins Diktum „Sagen, was ist", und fügt hinzu, sein Haus leide nicht an der Hybris zu glauben, Journalismus könne Wahlergebnisse beeinflussen. An dieser Stelle gerät die Verteidigung in ein Dilemma, das sie selbst nicht bemerkt. Denn ein Superlativ wie der gefährlichste Mann des Landes beansprucht ja gerade Wirkung, er will gehört, geglaubt, beherzigt werden. Hält der Spiegel sein eigenes Urteil für folgenlos, hätte er es sich sparen können; hält er es für folgenreich, dann schuldet er Rechenschaft auch für die Form, in der es die Kioske erreicht. Dieselbe Recherche hätte ein Titelbild über die Pläne tragen können, über Schulen, Behörden und Rundfunk in einem Land unter dieser Partei. Alarmierend wäre das allemal gewesen. Es hätte sich bloß nicht signieren lassen.

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