Die Maske
Ein katholischer Sprengmeister aus dem Jahr 1605 ist heute Erkennungszeichen weltweiter Protestbewegungen. Die Geschichte eines Symbols, das die Seiten gewechselt hat.
Blasses Gesicht, schmaler Oberlippenbart, ein eingefrorenes Lächeln: Die Maske, die auf Demonstrationen in Hongkong, New York und São Paulo getragen wird, zeigt einen Mann, der 1605 das englische Parlament in die Luft sprengen wollte. Guy Fawkes kämpfte nicht für Freiheitsrechte, sondern für eine katholische Glaubensordnung von oben. Vier Jahrhunderte später steht sein Gesicht für das Gegenteil. Wie Symbole derart die Seiten wechseln können, lässt sich an keinem Beispiel so präzise studieren wie an diesem.
Der Sprengmeister, der zum Gesicht wurde
Kopf der sogenannten Gunpowder Plot war nicht Fawkes, sondern der katholische Adlige Robert Catesby. Dreizehn Verschwörer sind namentlich bekannt, Fawkes war unter ihnen der Mann für das Pulver — ein Yorkshireman mit Sprengstofferfahrung aus dem Söldnerdienst in den spanischen Niederlanden. In der Nacht vom 4. auf den 5. November 1605 fand ihn eine Durchsuchungstruppe im gemieteten Lagerkeller unter dem Oberhaus, mit Laterne und 36 Fässern Schießpulver im Rücken. Eine anonyme Warnung an den katholischen Lord Mounteagle hatte den Anschlag vereitelt.
Dass Fawkes und nicht Catesby zum Namen der Verschwörung wurde, hat einen überraschend banalen Grund. Er wurde am Tatort erwischt, auf frischer Tat, mit allen Insignien des Sprengmeisters. Catesby starb kurz darauf im Feuergefecht, die Überlebenden wurden Ende 1606 als Hochverräter hingerichtet. Übrig blieb das Bild des Mannes im Keller.
Die Geschichte wählt ihre Gesichter nicht nur nach Bedeutung aus, sondern nach Bild.
Das verordnete Gedenken tat den Rest. 1606 schrieb das Parlament jährliche Dankgottesdienste für den 5. November vor, eine Pflicht, die 253 Jahre lang galt. Datum und Name blieben so im Umlauf, lange bevor sie jemand kommerziell verwerten konnte. Anti-Erinnerung ist eben auch Erinnerung.
Der Scheiterhaufen als Spiegel
Weniger bekannt ist, dass die englische Bonfire Night keineswegs vierhundert Jahre lang Fawkes-Puppen verbrannte. Die frühen Berichte nennen Papst und Teufel auf dem Scheiterhaufen. Später wechselten die Figuren mit der Weltlage: Kaiser Wilhelm, Diktatoren, amtierende Politiker — je nachdem, wen die jeweilige Generation gerade fürchtete oder verachtete.
Der Scheiterhaufen des 5. November war nie ein Denkmal. Er war ein Spiegel, auf dem jede Generation verbrannte, wen sie gerade fürchtete oder verachtete.
Erst Ende des 18. Jahrhunderts zogen Kinder mit selbstgebastelten Fawkes-Puppen durch die Straßen und bettelten um „a penny for the Guy". Im 19. Jahrhundert wurde die Figur dann zur Standardpuppe. Aus dieser Puppe stammt, als Fußnote der Sprachgeschichte, das englische Allerweltswort „guy" — erst der verbrannte Verschwörer, dann ein seltsam gekleideter Kerl, am Ende irgendein Mensch. Jedes „you guys" trägt den Mann von 1605 unerkannt weiter.
Vom Comic in die Straße — und drei Ironien
Anfang der 1980er erfanden der Autor Alan Moore und der Zeichner David Lloyd für das britische Magazin Warrior die Serie V for Vendetta: ein faschistisches England nach dem Atomkrieg, dagegen ein einzelner Widerständler mit Guy-Fawkes-Maske. Weil es kein verlässliches Porträt gab, entwarf Lloyd das Gesicht frei nach der Erinnerung an Jahrmarktsmasken. Das eingefrorene Lächeln ist seine Erfindung — und die eigentliche Umkodierung. Aus dem katholischen Verschwörer wurde eine anarchistische Widerstandsfigur, deren moralischer Status Moore bewusst offen ließ.
Die Verfilmung von 2006 lieferte das massenwirksame Schlussbild: eine unübersehbare Menge, alle mit derselben Maske. Zwei Jahre später holten die Anonymous-Proteste gegen Scientology das Bild aus der Fiktion auf die Straße. Es folgten Occupy, der Nahe Osten, Hongkong. 2013 verboten Bahrain und Saudi-Arabien die Einfuhr der Masken. In Hongkong untersagte die Regierung Gesichtsbedeckungen auf Versammlungen — womit das Aufsetzen eine zusätzliche Bedeutung bekam: Widerspruch gegen das Verbot selbst.
Drei Ironien bleiben. Die Rechte am Filmdesign liegen bis heute beim Unterhaltungskonzern hinter der Verfilmung; die New York Times rechnete 2011 vor, dass Time Warner am Verkauf jeder offiziell lizenzierten Maske mitverdiente. Der historische Fawkes wollte das genaue Gegenteil dessen, wofür sein Bild heute steht. Und Alan Moore, erklärter Anarchist und Hollywood-Verächter, zeigte sich von der Protest-Karriere seiner Figur eher angetan als empört.
Für den Seitenwechsel eines Symbols lassen sich daraus drei Bedingungen ableiten: Entleerung — je weniger historisches Wissen ein Zeichen noch transportiert, desto mehr Neues passt hinein. Ein Umkodierer — meist dreht ein einzelner Erzähler die Richtung, hier waren es Moore und Lloyd. Und Verfügbarkeit — die Maske ist ein Industrieprodukt, auf jedem Kontinent gleich. Wer ein Symbol loswerden will, sollte ihm jedenfalls kein jährliches Ritual und kein eigenes Gesetz widmen; beides konserviert eher, als es löscht.
Zum Weiterhören
Daniel Fürg zeichnet in der heutigen Folge von Daniels Daily den Weg von der echten Verschwörung von 1605 über die wechselnden Puppen auf den englischen Bonfires bis zur globalen Protestmaske nach — mit einem Seitenblick darauf, warum britische Behörden erst 2026 neu geregelt haben, wann Demonstrierende ihr Gesicht verdecken dürfen.
Erinnerung lässt sich anordnen, ihre Richtung nicht.
Die Episode läuft gut eine Viertelstunde, Quellen und Belege sind auf der Episodenseite verlinkt.