8. September 2026
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Daniel's Daily
Daniel's Daily — Episode 15

Die Verstärker

Am Wahlabend in Sachsen-Anhalt trafen zwei sehr verschiedene Formen der Einflussnahme aufeinander: der offene Beifall aus Washington und eine verdeckte russische Fälschungskampagne. Was beide verbindet - und was sie trennt.

8. September 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Sonntagabend, 19:57 Uhr. Auf Truth Social erscheint eine Balkengrafik: AfD 44,4 Prozent, Hochrechnung aus Magdeburg. Donald Trump postet sie kommentarlos. Zeitgleich schreibt Elon Musk auf X unter Alice Weidels Gratulationsbeitrag zwei Worte auf Deutsch: "gut gemacht". Der frühere US-Botschafter Richard Grenell spricht von einem neuen Tag in Deutschland. Aus Warschau kontert Regierungschef Tusk, in Polen könnten sich am AfD-Triumph nur Idioten oder Verräter erfreuen. Eine Landtagswahl in einem ostdeutschen Flächenland, kommentiert von der Weltpolitik in Echtzeit.

Doch die sichtbaren Posts sind nur die eine Hälfte. Die andere lief seit Monaten im Halbdunkel: gefälschte Kurzvideos im Design von ARD, ZDF und FAZ, ausgerichtet – so das Bundesamt für Verfassungsschutz – auf eben diese Wahl. Zwei Einflussmaschinen, zwei Handschriften, ein politisches Ziel. Und die Frage, die wichtiger ist als jede Empörung: Warum eigentlich?

Die laute Maschine aus Washington

Was am Sonntag geschah, war kein Einzelfall, sondern der jüngste Eintrag in einer Chronik, die im Dezember 2024 beginnt. Damals postete Musk den Satz, nur die AfD könne Deutschland retten. Acht Tage später erschien in der Welt am Sonntag ein Gastbeitrag von ihm; die Leiterin des Meinungsressorts kündigte aus Protest. Im Januar folgte das Livegespräch mit Weidel auf X, dann die Videobotschaft zum AfD-Wahlkampfauftakt mit dem Satz, es gebe zu viel Fokus auf vergangene Schuld. Am Abend der Bundestagswahl im Februar verbreitete Musk AfD-Ausrufezeichen mit Deutschland-Flaggen und prognostizierte, die Partei werde bei der nächsten Wahl die Mehrheit stellen.

Dazwischen die Münchner Sicherheitskonferenz. US-Vizepräsident J.D. Vance erklärte den Europäern, die größte Bedrohung komme von innen, aus dem Umgang mit der Meinungsfreiheit. Für Brandmauern, sagte er wörtlich, sei kein Platz. Die AfD nannte er nicht beim Namen; er musste es nicht. Anschließend traf er in München Weidel, den Kanzler dort nicht. In Sachsen-Anhalt schließlich antwortete AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf Musks Kommentar auf Englisch und bot dem reichsten Mann der Welt für den Fall einer Regierungsübernahme eine starke und konstruktive Zusammenarbeit an. Deutschland wäre dann wieder ein Standort, in den es sich zu investieren lohne.

Der Trump-Post, die nackte Balkengrafik ohne ein Wort, ist raffinierter, als er aussieht. Ein Präsident, der "Glückwunsch AfD" schriebe, hätte eine diplomatische Verwicklung. Ein Präsident, der eine Hochrechnung teilt, hat formal nichts gesagt – und trotzdem lässt sich der Post kaum anders lesen denn als Signal. Festnageln aber lässt er sich auf nichts. Ideologisch begründen Musk und Vance ihre Positionierung als Solidarität einer internationalen Rechten, für die die Brandmauer das eigentlich Undemokratische ist. Ökonomisch wiederum liegt Musks Plattform X im Dauerkonflikt mit dem Digital Services Act – im Dezember verhängte die EU-Kommission 120 Millionen Euro Bußgeld. Die AfD fordert die Abschaffung genau dieses Gesetzes.

Die stille Maschine aus dem Osten

Am 12. August warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz öffentlich vor einer Kampagne, die es beim Namen nannte: Matroschka, auch bekannt als Operation Overload. Ziel laut Behörde: die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die Kommunalwahlen in Niedersachsen sowie die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die förmliche staatliche Zuschreibung an Russland ließ das Innenministerium zunächst offen; Forschende rechnen die Kampagne mit starken Indizien Moskau zu.

Die Bewertungsagentur NewsGuard zählte bis Ende Juli 723 gefälschte Beiträge, die weltweit 134 Medienmarken imitieren. Für die deutschen Wahlen dokumentierte das Forschungsinstitut CEMAS binnen zwei Monaten 141 Videos über mehr als 40 Politikerinnen und Politiker aus allen Parteien – mit zwei Ausnahmen: AfD und BSW. Neu ist die Zielhöhe. Nicht mehr nur Kanzler und Minister, sondern Landes- und Kommunalpolitiker mit deutlich geringeren Mitteln zur Gegenwehr. Über den linken Politiker Erik Stär aus Weißenfels wurde verbreitet, er habe seine Großmutter aus Habgier ermordet. Frei erfunden. Die Polizei verneinte jede Ermittlung; richtigstellen musste er es trotzdem selbst.

Kurz vor der Wahl lief ein aufwendig gebautes KI-Video gegen Ministerpräsident Reiner Haseloff. Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland rechnen Sicherheitskreise diesen Angriff einer zweiten Kampagne zu, Storm 1516. Diese trägt als einzige den amtlichen Stempel: Die Bundesregierung hat sie Ende 2025 förmlich Russland und dem Militärgeheimdienst GRU zugeschrieben.

Musk unterschreibt mit Klarnamen, diese Kampagnen fälschen Absender. Musk will gesehen werden, ihre Videos wollen für die ARD gehalten werden. Das eine ist Einfluss durch Prominenz, das andere Täuschung über Inhalt und Absender.

So beschreibt Daniel Fürg die Trennlinie zwischen den beiden Maschinen. Erst die Täuschung mache aus Einfluss das, was Fachleute Informationsmanipulation nennen.

Warum Sachsen-Anhalt?

Die Antwort, die das BfV in seiner Warnung beschreibt, ist unbequemer als die intuitive. Es gehe nicht in erster Linie um einen AfD-Sieg, sondern darum, gesellschaftliche Spannungen zu verschärfen, das Vertrauen in demokratische Prozesse zu schwächen und die Spaltung zwischen Ost und West voranzutreiben. Ein AfD-Erfolg dürfte diesen Interessen dienen – als Mittel, nicht als Zweck. Die Partei lehnt weitere Waffenlieferungen an die Ukraine ab und fordert die Aufhebung der Sanktionen. Ähnliches gilt für das BSW, das seit Sonntag ebenfalls im Landtag sitzt.

Bemerkenswert ist die nüchterne Bewertung der Wirkung. Das Institute for Strategic Dialogue stufte die aktuelle Kampagne Anfang August als nicht signifikant ein, CEMAS sieht keine Hinweise, dass sie wirklich wirkt. Viel Reichweite sei künstliche Verstärkung durch Bot-Netzwerke – Fälschungen, die vor allem Fälschungen teilen. Das rechtfertigt weder Panik noch Entwarnung. Denn auch die Wahrnehmung allgegenwärtiger Manipulation nutzt dem Angreifer.

Wer nach jeder Wahl raunt, das sei doch alles gesteuert, liefert Moskau das Misstrauen ins Ergebnis gratis dazu. Russische Einflussnahme ist real, dokumentiert, in einem Fall amtlich attribuiert. Und sie ist zugleich kein Zauberstab. Beides stimmt.

Die Grenze, so Fürgs Fazit, verlaufe nicht zwischen Inland und Ausland und auch nicht zwischen berühmt und anonym, sondern dort, wo getäuscht werde – über Absender, Inhalt oder Koordination. Fälschungen benennen, Attribution wo die Beweise reichen, die Mechanik vorher erklären. Ein Musk-Post bleibt eine Meinungsäußerung, so unangenehm sie sein mag. Ein pauschales Verbot ausländischer Stimmen würde das Drehbuch für die nächste Verfolgungserzählung gleich mitliefern.

In der aktuellen Folge von Daniels Daily trennt Daniel Fürg die beiden Einflussmaschinen sauber voneinander: die offene aus den USA und die verdeckte aus Russland. Er ordnet Chronologie, Motive und Wirkung ein – und plädiert für Präparenz statt Panik.

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