Sillamäe: Die Stadt, die es nicht gab
Eine estnische Küstenstadt, jahrzehntelang von den Landkarten getilgt, lieferte Uran für Moskaus Atomprogramm. Heute trennt dort eines der wenigen europäischen Werke seltene Erden.
Am Strand von Sillamäe, fünfundzwanzig Kilometer westlich der russischen Grenze, wölbt sich eine grüne Düne ins Bild. Gras, Sand, Meer. Von der Promenade aus wirkt sie wie ein Stück Landschaftsplanung, harmlos, fast beiläufig. Unter dieser Düne liegen rund zwölf Millionen Tonnen radioaktiv und chemisch belasteter Produktionsrückstände: Uran, Thorium, Schwermetalle, Säuren. Es ist das Erbe eines Werks, das über vier Jahrzehnte für den sowjetischen Atomkomplex arbeitete, in einer Stadt, die auf öffentlichen Karten nicht zu finden war.
Die Stadt, die es nicht gab
Sillamäe wird erstmals 1502 erwähnt, als Krug an der Landstraße zwischen Narva und Tallinn. Im 19. Jahrhundert entdeckte die Petersburger Oberschicht den Ort als Badeort. Villen, Strand, Seeluft. Dann kam das 20. Jahrhundert, und es kam mit Wucht: industrieller Ölschieferabbau in den Zwanzigern, KZ-Zwangsarbeit unter deutscher Besatzung, Sprengung der Anlagen 1944 beim Rückzug der Wehrmacht. Ein Jahr später fielen die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki. Stalins Atomprogramm schaltete in einen anderen Gang.
Sowjetische Geologen hatten in einem lokalen Schwarzschiefer, dem Kraptoliten-Argillit, geringe Urananteile gefunden. Sehr geringe. Ab 1946 entstand aus dem zerstörten Schieferwerk das Kombinat Nummer 7, Ende 1948 lief die Uranproduktion an. Von 1948 bis 1952 verarbeitete das Werk 271.500 Tonnen Gestein und gewann daraus ein Konzentrat mit 22 Tonnen Uraninhalt — 0,008 Prozent der Masse. Der Autor und Podcaster Daniel Fürg fasst das so zusammen:
Eine Viertelmillion Tonnen Fels für 22 Tonnen Uran. So verzweifelt wollte Moskau die Bombe.
Um das Werk wuchs eine neue Stadt, hochgezogen im Eiltempo, in großen Teilen von Häftlingen und Kriegsgefangenen. Von etwa 1947 bis 1991 war Sillamäe geschlossen, das Kombinat firmierte unter einer Deckadresse, ab 1955 belegt als Postfach 22. In den Akten existierte der Ort, ab 1957 sogar mit Stadtrecht. Auf öffentlichen Karten blieb die Fläche leer. Drinnen: ein goldener Käfig mit besser bestückten Geschäften, guten Wohnungen und vergleichsweise hohen Löhnen. Ob Uran aus Sillamäe tatsächlich in der ersten sowjetischen Kernwaffe von 1949 steckte, ist bis heute nicht nachgewiesen; die Archivlage schweigt. Belegt ist das große Bild: Bis 1989 verarbeitete das Werk knapp 98.700 Tonnen Uraninhalt und zählte zu den bedeutendsten Uranstandorten des Ostblocks.
Zwölf Millionen Tonnen unter Gras
Uranaufbereitung erzeugt Abfall, und das Kombinat entsorgte ihn so, wie die Sowjetunion Umweltfragen generell behandelte: gar nicht. Direkt am Ufer, auf durchlässigem Sand und Kies über weichem Ton, wuchs über Jahrzehnte ein offenes Absetzbecken heran. Am Ende umfasste der Standort rund 50 Hektar, die Abfallschicht war gut 20 Meter mächtig, die Dammkrone lag etwa 25 Meter über dem Meer. An der engsten Stelle trennten 30 Meter das Becken von der Ostsee. Sickerwasser drückte ins Grundwasser, die Wellen nagten am Damm, ein schwerer Sturm hätte ihn zum Versagen bringen können.
Nach 1991 erbte die junge Republik Estland dieses Becken. Es folgte eines der größten Sanierungsprojekte der Region, finanziert unter anderem mit skandinavischer und europäischer Hilfe — die Anlieger der weitgehend umschlossenen Ostsee hatten ein sehr direktes Interesse daran, dass der Damm hält. Ab 1992 wurde untersucht, ab Ende der Neunziger gebaut, entwässert, stabilisiert, abgedichtet, versiegelt, bis Dezember 2008. Obendrauf: Erde und Gras. Entfernt wurde nichts.
Sie ist grün, weil Menschen sie begrünt haben. Sie sieht nach nichts aus, weil sehr viele Leute anderthalb Jahrzehnte daran gearbeitet haben, dass sie nach nichts aussieht.
Seit 2009 läuft die Langzeitüberwachung. Die zwölf Millionen Tonnen liegen weiter dort, dreißig Meter vom Meer, unter einer Landschaft, die auf Sichtprüfung besteht.
Neuer Rohstoff, alte Abhängigkeit
Das Kombinat Nummer 7 existiert noch. Es heißt heute Silmet, gehört einem kanadischen Konzern und ist eine der wenigen Anlagen in Europa, die seltene Erden in industriellem Maßstab trennen und verarbeiten — jene Metalle, ohne die Elektromotoren, Windkraftgeneratoren, Hochleistungsmagnete und Waffensysteme nicht funktionieren. Der Markt liegt zu weiten Teilen in chinesischer Hand. Im benachbarten Narva wurde im September 2025 die zugehörige Magnetfabrik eröffnet. Einen Magneten von dort präsentierte Ursula von der Leyen beim G7-Gipfel.
Der Widerhaken: Silmet bezieht seinen Rohstoff seit über dreißig Jahren hauptsächlich aus Russland. Der Eigentümer baut seit Jahren alternative Lieferketten auf, zwischen 2021 und 2023 kam nachweislich Material aus den USA. Ersetzt hat das den russischen Rohstoff im nötigen Umfang bislang nicht; auch der jüngste Geschäftsbericht des Konzerns führt den russischen Lieferanten weiter auf. Ein europäischer Hoffnungsträger gegen die Rohstoffabhängigkeit von China hängt damit am Material aus Moskau — fünfundzwanzig Kilometer vor der NATO-Außengrenze, in einer schrumpfenden Stadt von rund 12.000 Menschen, in der bei der letzten Volkszählung über 95 Prozent der Einwohner Russisch als Muttersprache angaben.
Sprache ist kein Gesinnungsbeweis, sie sagt nichts über Loyalitäten. Sie erzählt nur, wer diese Stadt gebaut hat und für wen. Und sie steht in einem geopolitischen Umfeld, in dem hybride Kriegsführung auf Abhängigkeiten und kritische Infrastruktur zielt. In Sillamäe fällt beides zusammen: die versiegelte Vergangenheit unter der Düne und die verletzliche Gegenwart in den Hallen daneben.
Sie war unsichtbar, als sie wichtig war. Jetzt ist sie wieder wichtig und immer noch unsichtbar.
Daniel Fürg hat Sillamäe im Rahmen seiner Estland-Reise besucht, als zweite Station nach Narva. In dieser Reportage-Folge von Daniels Daily führt er durch die stalinistischen Boulevards, an das ehemalige Absetzbecken und in die Gegenwart eines Werks, das inzwischen als europäischer Hoffnungsträger für seltene Erden gilt. Wer die Ostflanken-Folge über Narva kennt, versteht sie besser, wenn er vorher hier gestanden hat.