Jens Corssen über das Gehirn, die Liebe und den Frieden
Wir wissen mehr über die Liebe als je zuvor – und scheitern täglich daran. Der Verhaltenstherapeut Jens Corssen über den inneren Quatschi, das teure M in „meine Frau" und die Kunst, in Frieden zu sein.
Ein Mann geht durch München und kommt an einem Bettler vorbei. Auf dem Pappschild steht: „Ich habe Hunger." Und noch bevor der Mann etwas entscheiden kann, hat sein Kopf schon geurteilt: Der Junge ist 25, hat ein Bäuchlein, hungert bestimmt nicht wirklich. Wer weiß, was der mit dem Geld macht. Deutsch ist der vermutlich auch nicht, womöglich Bettelmafia. Der Mann geht weiter. Zehn Meter später bleibt er stehen, kehrt um, schaut dem Bettler in die Augen, grüßt ihn und gibt ihm Geld.
Der Mann heißt Jens Corssen, ist über achtzig Jahre alt und einer der bekanntesten Verhaltenstherapeuten und Coaches Deutschlands. Die Szene erzählt er nicht als Anekdote über einen Bettler, sondern als Protokoll seines eigenen Denkens. „Mein Gehirn ist rassistisch", sagt er, „aber das hat nichts mit meiner Ethik zu tun." Das Gehirn sei über hunderttausende Jahre auf Überleben konditioniert, und alles Fremde löse zunächst Abwehr aus. Was Corssen an dieser Selbstbeobachtung interessiert, ist die Lücke, die sich darin zeigt: die Lücke zwischen dem, was wir wissen, und dem, was uns denkt.
Denn wir wissen ja eigentlich alles. Wir haben die Aufklärung hinter uns, die Kommunikationsseminare, die Achtsamkeitskurse. Die Ratgeberliteratur zur Selbstoptimierung füllt ganze Buchhandlungen, und wer eine Frage zur Liebe hat, findet dazu tausend Podcastfolgen. Trotzdem kommt der Professor, der ein Buch über Humanismus geschrieben hat, abends nach Hause und schreit seine Kinder an. Corssen hat für dieses Phänomen einen Satz, der auch ihn selbst meint: „Was du kannst, das lebst du. Und was du nicht kannst, unterrichtest du gerne – manchmal mit dem Schaum vorm Mund."
Die verhaltenstherapeutische Erklärung dafür ist ernüchternd simpel. Das Gehirn kennt seit jeher drei Antworten auf Bedrohung: kämpfen, fliehen, erstarren. Diese Mechanik ist älter als jede Erkenntnis, und im Stress übernimmt sie die Regie. „Wenn das Gehirn mich Gassi führt", sagt Corssen, „dann ist all das, was wir wissen über Platon und Buddha, Jesus, Schopenhauer und Nietzsche, weg." Übrig bleibt der Kampfmodus – kommandieren, korrigieren, kontrollieren. Und in einer Zeit, in der sich viele Menschen permanent bedroht fühlen, von der Weltlage, der Konkurrenz, den Kommentarspalten, sind wir schneller in diesem Modus als je zuvor. Wir lesen über Liebe und leben im Verteidigungszustand.
Der Wohlstand macht uns nicht zufrieden, sondern klagsam
Dabei ging es uns, objektiv betrachtet, noch nie so gut. Die Kindersterblichkeit sinkt seit Jahrzehnten, Seuchen wie Polio und Pocken sind besiegt oder zurückgedrängt, sogar die Zahl der Gewaltdelikte geht langfristig zurück. Nur registrieren wir das nicht, weil unsere Wahrnehmung auf Ereignisse geeicht ist, nicht auf Entwicklungen. Die einschlagende Bombe sehen wir, den fallenden Trend übersehen wir. Und die Presse, die von Aufmerksamkeit lebt, verstärkt diese Schieflage nach Kräften.
Corssen zieht daraus einen Schluss, der zunächst paradox klingt: Schlimmer geworden ist womöglich tatsächlich etwas – aber nicht die Welt, sondern unser Verhältnis zu ihr. Je mehr wir haben, desto höher steigen die Erwartungen, und je höher die Erwartungen, desto größer die Enttäuschung über den Rest, der uns fehlt. Der Wissende leidet mehr als der Ahnungslose, weil er weiß, wie es sein sollte. Buddha hat das menschliche Leid auf permanentes Beurteilen und Vergleichen zurückgeführt, und man muss kein Buddhist sein, um darin eine Diagnose unserer Gegenwart zu erkennen. Eine Jugend, die auf Instagram und TikTok stündlich vergleicht und bewertet und weggewischt wird, trainiert exakt jenen Mechanismus, aus dem nach buddhistischer Lehre das Unglück entsteht.
Das menschliche Leid entsteht über permanentes Beurteilen und Vergleichen.
Corssens Gegenmittel ist unspektakulär, und genau darin liegt seine Pointe: Bewusstheit im Augenblick. „Mein Wissen ändert mich nicht", sagt er. „Das, was mich ändert, ist die Bewusstheit im Jetzt." Er nennt die innere Kommentatorenstimme den „Quatschi" – jenes automatische Urteilen, das den heruntergefallenen E-Roller auf dem Bürgersteig sofort zum Beweis für die Verrohung der Sitten erklärt. Wer den Quatschi beim Quatschen ertappt, kann umkehren, den Roller aufheben und weitergehen. Corssen beschreibt, was dann geschieht: eine friedliche Stimmung, ein kurzes Aufwachen aus der Maschine. Und er zieht daraus eine Konsequenz von beinahe unverschämter Radikalität: „Ich fühle mich verantwortlich für alle Kriege dieser Welt. Solange ich es nicht schaffe, in Liebe zu sein – wie soll denn da der Krieg verschwinden?"
Ich liebe dich heißt zu oft: Ich brauche dich
Nirgends zeigt sich die Verwechslung von Wissen und Können deutlicher als in der Liebe. Das Verlieben, erklärt Corssen, ist zunächst ein konditionierter Reflex: Die tiefe Stimme des Fremden auf der Party ist mit dem Kinderarzt aufgeladen, der einen einst tröstete, die blauen Augen mit dem Turnlehrer, der einen als Einziger lobte. Das Gehirn rechnet blitzschnell hoch, mit wem sich gut überleben ließe – und meldet dann Liebe. Corssen unterscheidet, in Anlehnung an den Bewusstseinslehrer Gurdjieff, mehrere Stufen: Auf der untersten heißt „Ich liebe dich" in Wahrheit „Ich brauche dich". Erst auf der nächsten wird daraus etwas anderes: Ich brauche dich nicht, ich kann für mich selbst sorgen – aber ich liebe dich.
Seiner Frau, mit der er seit rund fünfzig Jahren zusammen ist, sagt Corssen genau das, und sie findet es gelegentlich kränkend. Seine Antwort darauf hat eine eigentümliche Logik: Wer gebraucht wird, ist ersetzbar, denn irgendwann kommt jemand, der die Bedürfnisse besser bedient. Wer dagegen geliebt wird, ohne gebraucht zu werden, ist sicher. Das Leid in Beziehungen entsteht für Corssen ohnehin weniger aus dem Partner als aus dem Possessivpronomen. „Was kostet mich der Buchstabe M", fragt er – denn aus „eine Frau" wird „meine Frau", und mit dem Besitzanspruch kommen das Bildnis, der Vergleich, die Kritik. Nach Wochen der Meditation habe er einmal die Wohnungstür geöffnet und für einen Moment nicht seine Frau gesehen, sondern einfach einen Menschen, einen eigenen Kosmos. Dieser Augenblick, sagt er, habe seine Liebe verändert.
Das Rezept seiner langen Ehe klingt entsprechend unromantisch und ist vielleicht gerade deshalb so brauchbar: Mehre die Freude deines Partners, auch wenn sie dich nicht einschließt. Seine Frau fährt demnächst allein nach Hydra, er selbst mit dem E-Bike nach Rügen. Manche Freundinnen fragen dann besorgt, ob die beiden sich getrennt hätten. Haben sie nicht. Sie halten nur eine Distanz, die es erlaubt, den anderen immer wieder neu zu sehen.
Am Ende steht die Infriedenheit
Bleibt die letzte Frage, die hinter allen anderen liegt: die Endlichkeit. Corssen mag das Wort Zufriedenheit nicht besonders, weil es ein Ziel suggeriert, auf das man noch zusteuert. Er hat sich ein eigenes Wort gebaut: Infriedenheit. Wer sich mit den Gesetzen des Lebens versöhnt hat, mit Goethes „Stirb und werde", der hadert nicht mit dem Tod – der lebt in der Gegenwart, in der es den Tod als Gedanken schlicht nicht gibt. Corssen beobachtet bei seinen Klienten das Umgekehrte: Gerade die Reichen und Mächtigen, die ihre Identität aus Besitz und Status beziehen, klammern sich am heftigsten ans Leben. Und ausgerechnet jene, die pausenlos über das Leben schimpfen, haben die größte Angst, es zu verlassen.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieses Mannes, der seit Jahrzehnten Menschen berät und dabei nie aufgehört hat, sich selbst zu beobachten: Der Weg zu einem versöhnten Leben führt weniger über das nächste kluge Buch als über die unbequeme tägliche Übung: den Quatschi ertappen, den Roller aufheben, den Bettler ansehen, dem eigenen Ego danken und es zugleich von der Pflicht entbinden, uns glücklich zu machen. „Ego, bitte kümmere dich weiter um mich", sagt Corssen, „aber du musst mich nicht glücklich machen, weil das kannst du nicht."