28. August 2026
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Gin And Talk
Gin And Talk — Episode 197

Wolfgang Fierek über Amerika, Motorräder und das Weitermachen

Ein Motorradunfall hätte den Schauspieler beinahe ein Bein gekostet. Dass er heute wieder durch Arizona fährt, verdankt er seiner Frau, einem Medizinmann – und einem Land, das ihm das Weitermachen beigebracht hat. Jetzt erzählt er davon in seinem Buch „Born to be Fierek".

Zu Gast: Wolfgang Fierek
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Der wichtigste Satz in Wolfgang Fiereks Leben stammt nicht von ihm selbst. Gesprochen hat ihn seine Frau Djamila, im Jahr 2003, in einem Münchner Krankenhaus, gerichtet an einen Chirurgen, der nach einem schweren Motorradunfall das zertrümmerte Bein ihres Mannes amputieren wollte: „Sie schneiden von meinem Mann nichts weg. Und wenn er sterben muss, dann muss er sterben." Der Patient selbst lag derweil unter Morphium und plante bereits die nächste Tour nach Sturgis, South Dakota. Als er später von der Ansage seiner Frau erfuhr, kamen ihm die Tränen. „Diese Kraft musst du erst einmal haben", sagt er heute, „dass du diesen Gedanken dir formst, aussprichst und dann wirklich dahinterstehst."

Man könnte diese Episode für den dramatischen Höhepunkt eines Schauspielerlebens halten. In Fiereks eigener Erzählung ist sie etwas anderes: eine Prüfung, wie er sie in Amerika hundertfach beobachtet hat. Der Bayer, den das Fernsehpublikum als singenden Traktorfahrer und als „Bayer auf Rügen" kennt, bereist die Vereinigten Staaten seit 1979, meist auf der Harley-Davidson, seit 1994 besitzt er ein Haus in Arizona. In seinem Buch „Born to be Fierek" hat er nun aufgeschrieben, was ihn fast fünfzig Jahre auf amerikanischen Straßen gelehrt haben. Es ist, genau besehen, ein Buch über Zuversicht – und darüber, wo sie herkommt.

Die Schule des Scheiterns

Fiereks Antwort auf diese Frage führt weit zurück, hinter die Interstates und Motels, in die Zeit der Planwagen. Wer verstehen wolle, „warum Amerika so tickt", sagt er, müsse sich nur vergegenwärtigen, dass die Strecke von Florida nach Kalifornien, die er selbst in vier Tagen auf dem Motorrad schafft, einst Monate dauerte, durch Hitze, Sandstürme und Gegenden ohne jede Rechtsstaatlichkeit. „Wenn du dieses Land mit einem Planwagen durchquert hast, dann hast du schon sehr, sehr viel geschafft. Dann warst du auch gefeit für andere Herausforderungen." Die Route 66, die Europäer heute als Sehnsuchtskulisse abfahren, war für die Familien der Dust-Bowl-Jahre ein Fluchtweg, auf dem der gesamte Hausrat aufs Autodach geschnallt wurde. In Mississippi stieß Fierek einmal auf eine verlassene Ranch, auf deren Wand der Besitzer seinen Abschied hinterlassen hatte: „I'm done, I get the fuck out of here." Erst an der Tankstelle erfuhr er, dass der Mann zuvor zweimal wieder aufgebaut hatte, nachdem Tornados seinen Hof zerstört hatten. Fiereks Schlussfolgerung ist so schlicht wie einprägsam: „Die Stärke kommt ja irgendwoher. Wenn du nie gefordert wirst, kannst du keine Stärke haben."

Diese Haltung, davon ist er überzeugt, lebt in den Amerikanern von heute fort. Als die Finanzkrise 2008 seine Nachbarschaft in Scottsdale traf und Bauunternehmer reihenweise ruinierte, hörte er keine Verzweiflung, sondern immer denselben Dreiklang: „I'm healthy, meine Frau ist gesund, meine Kinder sind okay – we make it." Ein Bekannter, der zuvor Custom-Bikes für 200.000 Dollar gebaut hatte, sagte ihm, er sei froh, wenn das Telefon noch für eine Radmutter klingle. Selbst der Anzugträger, der damals mit seinem Porsche und einem „For Sale"-Schild an der Straßenkreuzung stand, war für Fierek kein Bild des Scheiterns, sondern eines der Prioritäten: „Da geht es ums Überleben und nicht um das Auto. Weg damit, und es geht weiter." Den deutschen Vorwurf der amerikanischen Oberflächlichkeit weist er entsprechend zurück. Das „Honey, how is your day today?", mit dem ihn 1979 eine Kellnerin in San Francisco empfing, hatte zu ihm in Deutschland noch nie jemand gesagt. Er nennt es eine „Floskel der Höflichkeit", ernst gemeint im Moment ihres Aussprechens.

Peyote, Sonne und ein Anruf aus Texas

Wie tief diese amerikanische Schule bei ihm selbst gewirkt hat, zeigte sich nach dem Unfall. Fünf Operationen überstand Fierek nach eigener Auskunft erstaunlich gut, die eigentliche Krise kam danach: Depressionen, Zukunftsangst, die Sorge, nie wieder vor der Kamera zu stehen. Sein Arzt riet ihm, in die Sonne zu fliehen, „Sonne ist das Beste für Knochen", also flog das Paar nach Arizona, sobald er transportfähig war. Dort nahm sich ein Medizinmann aus Tombstone seiner an, öffnete ihm, wie Fierek erzählt, die Chakren und empfahl gegen die Angst das, was in Arizona damals noch nicht legal zu haben war. Monatelang rauchte Fierek morgens einen Joint, bis er ihn eines Tages schlicht nicht mehr brauchte. Die Rückkehr aufs Motorrad schließlich verdankt er einem Anruf, der in seiner Beiläufigkeit sehr amerikanisch war: Sein texanischer Freund fragte nicht, ob er sich das Fahren wieder zutraue, sondern sagte nur: „Morgen fahren wir nach Silver City in New Mexico, kommst du mit?" Fierek startete die Maschine, drehte eine Proberunde durch die Nachbarschaft und fuhr mit. Drei Tage, ohne Angst. „Dieses Thema war nie da", sagt er über die Furcht, die andere ihm unterstellten.

Vorsichtiger allerdings ist er geworden. Er überholt spät, traut niemandem im Verkehr, fährt am liebsten als Letzter der Gruppe. Ein guter Freund starb vor seinen Augen in Wyoming, weil er einen Pickup überholte, dessen Fahrer ihn nicht sah. Fiereks Zuversicht ist keine Sorglosigkeit, das unterscheidet sie vom Klischee des Easy Riders, dem er seine Amerikaliebe einst im falschen Kinosaal abgeschaut hat. Sie ist eher eine Technik: Probleme anschauen, analysieren, weitergehen. „Mein Unfall war auch nicht negativ", sagt er. „Das war eine Station in meinem Leben, die ich genommen habe – und dann bin ich einfach weitergegangen."

Eine wandelnde Bibliothek

Dass Fierek mit Mitte siebzig noch zum Buchautor wurde, hat er einem Zitat zu verdanken, das ihm zugetragen wurde und von einem indigenen Häuptling stammen soll: Jeder ältere Mensch sei eine wandelnde Bibliothek, und eigentlich solle jeder sein Leben aufschreiben. In „Born to be Fierek" hat er genau das getan, ergänzt um Tourenvorschläge für alle, die dem Land abseits der eingetretenen Pfade begegnen wollen. Ausführlich erzählt hat er seine Geschichte im Gespräch mit Daniel Fürg, aus dem die Zitate dieses Textes stammen – von der Air-Force-Kantine seiner Kindheit bis zu den Bratwurstpartys in Scottsdale, deren Sauerkrautduft die Nachbarn anlockt. Sein Resümee passt auf einen Satz, natürlich auf Englisch: „I'm a chief, I'm not a warrior." Das vollständige Gespräch ist als Podcast-Episode verfügbar.

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