3. September 2026
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Gin And Talk
Gin And Talk — Episode 198

Florian Illies über Alchemie, Träume und das Vergessen

Ein Alchemist versprach dem Großen Kurfürsten Gold – und erschuf das begehrteste Glas Europas. Florian Illies über den Traum von der Pfaueninsel, das Verschwinden aus dem Gedächtnis der Welt und die Grenzen der Rechenzentren.

Zu Gast: Florian Illies · 3. September 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Als Berlin noch einmal reich werden wollte, gingen die Geldgeber nach Mitte und fühlten sich jung, wenn sie jungen Männern in weißen Turnschuhen einen Kredit gaben. So erinnert sich Florian Illies an die Gründerjahre der Berliner Startup-Szene, und man ahnt beim Zuhören, warum ihn eine Geschichte aus dem Jahr 1685 nicht mehr losgelassen hat. Damals ging ein anderer Geldgeber ein weit größeres Risiko ein: Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm schenkte einem bürgerlichen Glasmacher namens Johannes Kunckel eine ganze Insel in der Havel, weil der ihm versprochen hatte, Gold herzustellen. Brandenburg war nach dem Dreißigjährigen Krieg verarmt, der Fürst hoffte auf ein Wunder. Was er bekam, war etwas anderes, und vielleicht war es mehr: ein Glas, rot wie ein Rubin, das an den Höfen von Wien bis Paris begehrt war wie kein zweites Luxusgut seiner Zeit. Illies erzählt diese Geschichte in seinem neuen Buch, und sie handelt, je länger man ihr folgt, immer weniger vom Barock und immer mehr von uns.

Ein Naturwissenschaftler im Kostüm des Magiers

Denn Kunckel war ein Hochstapler eigener Art: einer, der weniger vorgab, als er konnte. "Die Berufsbezeichnung Alchemist ist in seinem Falle völlig unzutreffend", sagt Illies. "Ich glaube, er hat den Alchemisten ein wenig gespielt, um die Fürsten zu überzeugen. Er selbst begriff sich ganz offensichtlich längst als Naturwissenschaftler." Das Wort dafür existierte um 1680 noch nicht, die Rolle auch nicht. Kunckels Abhandlung über die Glasmacherkunst gilt als eine der ersten naturwissenschaftlichen Publikationen Deutschlands, Goethe hat sie noch mit Staunen gelesen. Zugleich dachte dieser Mann wie ein Unternehmer: Er wusste, warum eine Glasmanufaktur auf eine Insel gehört – wegen der Geheimhaltung, wegen des Löschwassers und weil zerbrechliche Ware besser übers Wasser reist als über Landstraßen. Auf der Pfaueninsel baute er aus dem Nichts einen funktionierenden Betrieb auf. Und er löste sein Goldversprechen am Ende sogar ein, wenn auch auf verschlungenem Weg: In Afrika, wo der Kurfürst von einem Kolonialreich träumte, wurde das Rubinglas gegen Gold getauscht.

Der Kurfürst wiederum verkörpert für Illies eine Figur, die unserer Gegenwart abhandengekommen ist: den Gönner. "Ich weiß nicht, ob die Venture-Capital-Fonds sich in einer Rolle als Gönner begreifen", sagt er. "Ich glaube, auf gar keinen Fall. Sie würden auch nicht, wie es der Kurfürst getan hat, einem kleinen Startup eine Insel schenken." Wo heute jede Idee zehnmal geprüft wird, bevor jemand sie finanziert, kaufte der Fürst einen Traum. Dass Illies daraus keinen Kulturpessimismus ableitet, gehört zu den schönsten Momenten des Gesprächs: "Ich würde ganz kulturoptimistisch und urromantisch sagen: Immer gibt es Zeit zum Träumen. Auch jetzt gibt es ganz viel Zeit zum Träumen."

Die böse Stiefmutter, die eine Vorkämpferin war

Wie schnell ein solcher Traum endet, zeigt Kunckels Fall. Nach dem Tod seines Gönners wollte der Thronfolger alles anders machen als der Vater, und der Glasmacher wurde auf preußische Weise erledigt: Man stellte ihm nachträglich eine Rechnung über sämtliche je erhaltenen Gelder, ruinierte ihn und brannte nieder, was er aufgebaut hatte. "Es ist eine Parabel auf die Kurzzeitigkeit von jedem Glück", sagt Illies, "und darauf, wie Zuneigung und Aufmerksamkeit so schnell gehen, wie sie kommen." Dass Brandenburg dabei ein Geschäftsmodell zerstörte, an dem es selbst verdiente, macht den Vorgang nur noch rätselhafter.

Ähnlich gnadenlos verfuhr die Überlieferung mit der zweiten Hauptfigur des Buches. Kurfürstin Dorothea war in ganz Europa geachtet und gefürchtet, begleitete ihren Mann auf die Schlachtfelder, entwickelte als Bauherrin die Dorotheenstadt und setzte gegen jede hohenzollernsche Tradition durch, dass ihre eigenen Kinder gleichberechtigt erbten. Geblieben ist von ihr das Zerrbild der bösen Stiefmutter, die ihren Stiefsöhnen angeblich Gift ins Essen mischte. "Was wir an Wahrheit wissen, ist, dass sie eine feministische Vorkämpferin war", sagt Illies. Das kollektive Gedächtnis, so lernt man bei ihm, vergisst nicht einfach. Es sortiert nach Erzählschablonen, und wer in keine passt, wird passend gemacht.

Was kein Rechenzentrum erzählen kann

Gegen dieses Sortieren schreibt Illies an, seit er mit "1913" das Wiedererzählen der Vergangenheit zu seinem Genre gemacht hat. Er selbst nennt den Antrieb "Altgierde": die Lust, Vergessenes zu heben, sofern es sich um große, sinnliche Geschichten handelt. Bei einem Historiker, der über Wiederentdeckungen forschte, hat er einst studiert und dort gelernt, dass der Wiederentdecker eine irre Energie mitbringen muss – und dass genau diese Energie ansteckend wirkt, während sich Figuren, die seit Jahrhunderten ein wenig bekannt sind, viel schwerer erzählen lassen. Über Kunckel sagt er: "Es gibt so viele Autobiografien, von denen man sagen kann: Vielleicht hätten sie nicht geschrieben werden müssen. Diese Autobiografie hätte man liebend gerne gelesen." Weil Kunckel sie nie schrieb und die Quellen dünn sind, musste Illies die Lücken mit Anschauung füllen, mit dem Wissen darüber, wie diese Zeit roch, klang und dachte.

Ob eine Maschine das könnte? Die Datenfülle der Digitalisierung, glaubt Illies, wird das Vergessen nicht abschaffen, denn Daten erzählen noch nichts. "Die künstliche Intelligenz wird einem immer hunderttausend Vorschläge machen, was alles möglich ist. Aber zu sagen, diese eine Geschichte in dieser unendlichen Datenfülle ist erzählenswert – das kann, glaube ich, immer nur ein Mensch." Jedes Kunstwerk, sagt er, sei durch einen Körper gegangen, der Verlust erlebt hat und die Angst vor dem Tod kennt. "Aus diesem großen Erfahrungsreichtum, der im eigenen Körper sitzt, wird immer noch etwas anderes kommen als aus einem gekühlten Rechenzentrum."

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