Rahaf Harfoush: Wir müssen lernen, den Tod einer alten Welt auszuhalten
Die Digitalanthropologin Rahaf Harfoush hält die KI-Debatte für zu klein gedacht: Es gehe um Macht und um das Ende einer Wirtschaftsordnung, die den Westen seit 80 Jahren trägt. Diesen Abschied müsse unsere Generation begleiten lernen. Warum sie dennoch auf einen Landwirt und ein Loch im Bordstein setzt.
Wer über künstliche Intelligenz spricht, kann das auf eine beruhigende Weise tun. Man zeigt Kurven, die nach oben weisen, spricht über Produktivitätsgewinne und neue Geschäftsmodelle, vielleicht noch über Weiterbildung und darüber, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter auf die Transformation vorbereiten sollten. Es klingt dann nach einem weiteren technologischen Wandel, vielleicht größer als die vorherigen, aber letztlich beherrschbar. Rahaf Harfoush glaubt daran nicht.
„Mich erschreckt diese Beschleunigung", sagt sie in einem Gespräch im Rahmen des Nordic Business Forum in München. Dabei beunruhigt sie weniger die Technologie selbst als die Geschwindigkeit ihrer Entwicklung und die Tatsache, dass ein erheblicher Teil dieser Entwicklung von wenigen Unternehmen bestimmt wird. Besonders irritiert sie ein Ritual, das inzwischen fast zum festen Bestandteil des KI-Diskurses gehört: Menschen, die an der Entwicklung leistungsfähiger Systeme beteiligt waren, warnen öffentlich vor deren Folgen. „Alle sechs Monate kommt jemand aus einem dieser Unternehmen und sagt: Leute, das ist wirklich gefährlich", sagt Harfoush sinngemäß, während Entwicklung und Kommerzialisierung ungerührt weiterlaufen.
Für sie steckt darin ein Widerspruch, der weit über die Frage hinausreicht, welches Sprachmodell gerade die besten Benchmarks erreicht. Es geht um Macht, und darum, wer bestimmen darf, nach welchen Vorstellungen eine Technologie gebaut wird, die künftig womöglich Arbeit, Bildung, Politik und gesellschaftliche Beziehungen prägt.
Harfoush ist Digitalanthropologin, und Technologie interessiert sie deshalb nicht allein als Werkzeug, sondern als kulturelles System. Wer baut sie, welche Werte sind in ihr eingeschrieben, welche Vorstellung vom Menschen liegt ihr zugrunde? Ausgerechnet Europa, so oft verspottet für seine Regulierung, seine Vorsicht und seine langsame technologische Adaption, sieht sie vor diesem Hintergrund differenzierter als die meisten. Kurzfristig, räumt sie ein, könne der stärker menschenzentrierte Ansatz ein Nachteil sein, weil andere schneller entwickeln, aggressiver investieren und früher skalieren. Langfristig aber könnte genau diese Haltung zur Stärke werden.
Denn Harfoush bezweifelt, dass der Mensch im Zentrum der amerikanischen Techindustrie steht. Problematisch werde es vor allem dann, wenn eine kleine Zahl von Unternehmen und Entscheidungsträgern faktisch die Standards für den Rest der Welt setzt. Europa müsse deshalb gar nicht erst versuchen, das Silicon Valley zu kopieren, sondern eine eigene Vorstellung davon entwickeln, welche Rolle Technologie in einer Gesellschaft spielen soll. Eine abstrakte philosophische Debatte ist das für Harfoush nicht. Die Entscheidungen, die heute über KI getroffen werden, könnten bestimmen, wie Menschen in einigen Jahrzehnten arbeiten, lernen und miteinander leben.
Eine Frage, die schon einmal gestellt wurde
Um zu erklären, wie groß sie diesen Moment empfindet, greift Harfoush auf eine überraschende Referenz zurück: den Papst. Religiös sei sie nicht, sagt sie ausdrücklich, und dennoch habe sie sich mit der katholischen Soziallehre beschäftigt. Ende des 19. Jahrhunderts reagierte Leo XIII. mit der Enzyklika Rerum Novarum auf die sozialen Verwerfungen der Industrialisierung. Es ging um Arbeit und Eigentum, um die Stellung der Arbeitnehmer und um die Frage, wie eine Gesellschaft mit einer technologisch und ökonomisch veränderten Welt umgehen sollte. Mehr als ein Jahrhundert später hat Leo XIV. schon mit der Wahl seines Namens auf diese Tradition verwiesen, vor dem Hintergrund einer neuen technologischen Revolution.
Diese Parallele fasziniert Harfoush. Damals musste eine Gesellschaft entscheiden, wie sie menschliches Leben in einer industrialisierten Welt organisieren wollte, und heute stehe die Menschheit erneut vor einer solchen Entscheidung: Was passiert, wenn künstliche Intelligenz Arbeit, Beziehungen, Gesundheitswesen und ganze Industrien verändert? Das entscheidende Wort ist für sie dabei „Entscheidung". Technologischer Wandel erscheint häufig wie ein Naturereignis, das über eine Gesellschaft kommt und dem sie sich anzupassen hat. Harfoush widerspricht dieser Vorstellung. Menschen können entscheiden, welche Technologien sie einsetzen, welche Grenzen sie ziehen und welche Institutionen sie um sie herum errichten. Die Industrialisierung hat schließlich auch nicht überall zum selben Gesellschaftsmodell geführt, und es ist nicht einzusehen, warum das bei künstlicher Intelligenz anders sein sollte.
Harfoushs Unbehagen reicht allerdings über KI hinaus. Sie glaubt, dass wir Zeugen des langsamen Niedergangs jenes Modells werden, das nach dem Zweiten Weltkrieg den westlichen Wohlstand geprägt hat. Es beruhte auf Voraussetzungen, die lange selbstverständlich erschienen: ausreichend verfügbare Ressourcen, steigender Konsum, wirtschaftliches Wachstum und die Erwartung, dass jede Generation materiell mehr besitzen werde als die vorherige. Viele dieser Annahmen tragen nicht mehr. Klimawandel und ökologische Belastungsgrenzen treffen auf eine technologische Revolution, die zugleich den Arbeitsmarkt umbaut. KI beschleunigt damit nicht einfach eine bestehende Wirtschaftsordnung, sie trifft auf eine Ordnung, die ohnehin unter erheblichem Veränderungsdruck steht.
Deshalb hält Harfoush auch die Vorstellung für trügerisch, man müsse lediglich einige Arbeitnehmer umschulen und danach könne alles weitergehen wie bisher. Vielleicht kann es das nicht. Vielleicht, sagt sie, erleben wir gerade einen Systemwechsel. Das klingt dramatisch, und Harfoush weiß das. Mehrmals sucht sie im Gespräch nach Worten, entschuldigt sich beinahe für die Schwere ihrer Diagnose. Dann sagt sie einen Satz, der zunächst düster klingt und doch zum Zentrum ihres Arguments wird: Unsere Generation müsse lernen, „diesen Tod zu begleiten".
Tod meint hier keinen Untergang der Menschheit, sondern das Ende von Gewohnheiten, Institutionen und Selbstverständlichkeiten. „Tod ist nichts Schlechtes", sagt Harfoush. „Er ist ein natürlicher Teil eines Zyklus." Nur sei er eben schmerzhaft. Ein Wirtschaftssystem, das sich verändert, bedeutet schließlich mehr als neue Statistiken. Es bedeutet, dass Menschen Dinge aufgeben müssen, die für sie normal geworden sind: billige Kleidung, extrem günstige Mobilität, Konsum ohne sichtbare Konsequenzen. Darin steckt auch Trauer. Gesellschaften sprechen viel über Innovation, Transformation und Disruption, aber wenig darüber, dass Transformation fast immer heißt, etwas zurückzulassen.
Harfoush beschäftigt deshalb die Frage, ob unsere Generation eine Art kulturelle Fähigkeit zum Abschied entwickeln muss. Geschichte verlaufe selten geräuschlos, große Veränderungen seien häufig durch Krisen, Katastrophen oder Gewalt beschleunigt worden. Die pessimistische Lesart lautet deshalb: Vielleicht muss der Schmerz des bestehenden Systems erst größer werden als der Schmerz seiner Veränderung. Harfoush hofft, dass es anders geht.
Manchmal reicht eine grüne Wiese
Dann erzählt sie eine Geschichte, die den Ton des Gesprächs verändert. Sie habe einen Beitrag über einen Landwirt gesehen. Während einer schweren Dürre waren die umliegenden Felder ausgetrocknet, auf den Aufnahmen lag die Landschaft braun da, bis auf eine einzige Fläche, die grün geblieben war. Der Landwirt hatte einige Jahre zuvor auf regenerative Landwirtschaft umgestellt und verändert, wie seine Tiere weideten, welche Pflanzen er anbaute und wie der Boden Wasser aufnahm. Seine Nachbarn hielten wenig davon, bis die Dürre kam. Während ihre Flächen vertrockneten, speicherte sein Boden große Mengen Wasser, und seine Tiere hatten Futter. Plötzlich standen die Nachbarn vor seiner Tür und wollten wissen, was er anders gemacht hatte. Für Harfoush steckt darin eine politische Idee, die zugleich erstaunlich unpolitisch wirkt: Menschen müssen nicht immer darauf warten, dass ein perfektes System von oben beschlossen wird. Manchmal reicht es, etwas sichtbar besser zu machen.
Ihre zweite Geschichte spielt in Tucson, Arizona. Dort führen versiegelte Straßen bei starkem Regen immer wieder zu Problemen, weil das Wasser nicht versickern kann, über die Straßen fließt und zu Überschwemmungen beiträgt. Der Umweltaktivist Brad Lancaster begann deshalb vor Jahren, Regenwasser anders zu nutzen. Er schnitt Öffnungen in Bordsteine, sodass das Wasser von der Straße in bepflanzte Flächen gelangte, statt einfach abzufließen. Was als lokale und teils nicht genehmigte Intervention begann, wurde mit der Zeit zum Vorbild. Nachbarn beobachteten, was funktionierte, andere übernahmen die Idee, und schließlich flossen Prinzipien des Regenwassermanagements in die Stadtplanung ein.
Harfoush liebt solche Geschichten, weil sie einer Haltung widersprechen, die sie inzwischen auch bei sich selbst erkannt hat: angesichts gigantischer Probleme vor allem zu analysieren. Klimawandel, KI, Demokratie, Rechtsextremismus, Wirtschaftssysteme. Die schiere Dimension der Probleme kann zur Entschuldigung werden, nichts zu tun. Diesen Widerspruch, erzählt sie, habe sie irgendwann bei sich selbst bemerkt. Sie hatte den Aufstieg der extremen Rechten beobachtet und analysiert, sich Sorgen gemacht und darüber gesprochen. Dann stellte sie sich eine unangenehme Frage: Was tue ich eigentlich dagegen? Abgesehen vom Wählen, so ihre Feststellung, erstaunlich wenig. Sie hatte keine Parteiprogramme gelesen, keine politische Organisation unterstützt, war nicht von Tür zu Tür gegangen, und zugleich beklagte sie eine Entwicklung, die sie selbst beunruhigte.
Diese Erkenntnis veränderte ihren Blick. Man müsse nicht sofort ein Land verändern, sagt Harfoush, vielleicht müsse man zunächst nur anfangen: mit einem Projekt, einer Straße, einem Stück Land, einem politischen Engagement, einer weiteren Person. Veränderung müsse nicht immer von oben beginnen. „Haus für Haus. Stadt für Stadt", sagt sie.
Die vielleicht wichtigste Ressource ist Selbstwirksamkeit
An einem bemerkenswerten Punkt endet dieses Gespräch. Es hatte mit künstlicher Intelligenz begonnen, mit exponentieller technologischer Entwicklung und der Macht einiger der größten Unternehmen der Welt, es führte über Kapitalismus, Klimawandel und den möglichen Zerfall einer Wirtschaftsordnung, und schließlich landet Harfoush bei einem Menschen, der ein Loch in einen Bordstein sägt. Vielleicht ist genau das ihre Antwort auf die Überforderung unserer Zeit.
Die großen Systeme existieren, und ihre Macht ist real. Künstliche Intelligenz wird sich weiterentwickeln, ökologische Grenzen verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert, und politische Institutionen verändern sich nicht allein durch gute Absichten. Aber zwischen der Illusion vollständiger Kontrolle und dem Gefühl vollständiger Ohnmacht liegt ein Raum, in dem Menschen handeln können. Die entscheidende Herausforderung der kommenden Jahre besteht deshalb womöglich nicht allein darin, leistungsfähigere Technologien zu entwickeln oder bessere Gesetze zu schreiben. Gesellschaften müssen vielleicht etwas wiederentdecken, das in einer Welt gigantischer Systeme leicht verloren geht: die Erfahrung, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht.
Rahaf Harfoush blickt keineswegs gelassen auf die Zukunft, dafür findet sie die Geschwindigkeit des Wandels zu beunruhigend. Ihr Optimismus ist von anderer Art. Er beruht nicht auf der Annahme, dass am Ende schon alles gut gehen werde, sondern auf der Überzeugung, dass die Zukunft noch nicht entschieden ist. Und dass man irgendwo anfangen kann.
Fotocredit: Nordic Business Forum