25. September 2026
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Gin And Talk — Episode 201

Clara Strehle über Anzüge, Handwerk und mentale Freiheit

Ein Anzug sollte sich dem Leben einer Frau anpassen. Nicht andersherum. Für Clara Strehle beginnt ein gutes Kleidungsstück deshalb nicht bei einer Konfektionsgröße oder einem Trend. Sondern bei der Frau, die es trägt: ihrem Körper, ihrem Alltag und der Art, wie sie ihn verbringen möchte.

Zu Gast: Clara Strehle · 24. September 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

An einem Münchner Sommertag mit dreißig Grad steigt Clara Strehle aufs Fahrrad und fährt neun Minuten durch die Stadt, im Flanellanzug. Man kann das für eine Marotte halten oder für eine Produktdemonstration. Strehle selbst hält es schlicht für das Bequemste, was ihr Kleiderschrank hergibt. „Ein gut geschnittener Anzug ist bequemer als ein Jogginganzug", lautet ihr Satz dazu, und sie meint ihn offensichtlich ernst.

Der Satz klingt nach Werbung, beschreibt aber eine Herausforderung, die die Modeindustrie seit Jahrzehnten gekonnt ignoriert. Der Anzug gilt zwar offiziell als das universellste Kleidungsstück: Er passt in jede Lebenslage und zu jedem Anlass, und wenn man ihn trägt, muss man sich nicht zweimal Gedanken über sein Outfit machen. Laut Strehle ist das aber nur die halbe Wahrheit, da dies bis dato nur für Männer Realität war. Frauen hingegen haben da eine ganz andere Erfahrung: „Blazer passt, Hose nicht." Und es braucht Strehle nur diese vier Wörter, um einer Frau ihr Produkt zu verkaufen, weil jede von ihnen dies schon einmal am eigenen Leib erfahren hat. Jede Frau habe früher oder später den Wunsch gehabt, wie Cate Blanchett in einem Anzug auf dem roten Teppich auszusehen, aber die Suche danach sei frustrierend, ewig lang und selten zufriedenstellend gewesen.

Strehle, die selbst seit Jahren leidenschaftliche Anzugträgerin ist, hat an dieses universelle Problem angeknüpft und ein Unternehmen gegründet, das sich diesem widmet. In ihrem Münchner Studio entstehen in Co-Kreation mit ihren Kundinnen Maßanzüge aus den feinsten italienischen Materialien. Nachhaltig und höchst individuell. Jeder Knopf wird persönlich von ihr ausgewählt.

Dass sie diesen Weg wählen beziehungsweise in der Mode landen würde, überraschte niemanden. Sie wuchs zwischen Schneiderpuppen und Nähmaschinen im Familienbetrieb ihrer Eltern auf. Ihre Mutter Gabriele Strehle war die Designerin von Strenesse, und während die Eltern arbeiteten, vergnügte sie sich als Kleinkind im Stofflager. „Ich kann mich an keinen Moment in meinem Leben erinnern, in dem ich nicht in der Mode arbeiten wollte."

Die Vielfalt des Frauenkörpers

Ihren eigenen Weg hat sie anfangs bewusst in eine andere Richtung, weg vom Familienunternehmen, gelenkt, um ihre eigene Stimme zu finden. Strehle arbeitete bei der Pariser Vogue unter Carine Roitfeld, machte PR bei Tom Ford und wurde am Ende Merchandiserin, unter anderem bei JW Anderson und Bally. Das ist jene Instanz in einem Modehaus, die aus Verkaufszahlen, Marktanalysen und der Positionierung der Firma ableitet, was in die nächste Kollektion gehört. Durch ihre Liebe zur Mathematik und das damit verbundene kreative Denken passte diese Rolle gut zu ihr. Strehle sieht darin keinen Widerspruch: „Um eine Lösung in Mathe zu finden, muss man kreativ denken." In großen Häusern, sagt sie, sei mehr als die Hälfte einer Kollektion von Merchandisern berechnet.

Die Idee für die Maßanzüge kam über einen Umweg. Während der Pandemie begann Strehle, mit Kundinnen deren Kleiderschränke nach Vintage-Schätzen zu durchforsten und diese in einen Kontext zu setzen: der Designer, die Kollektion, das Jahr und der Einfluss auf die Modegeschichte. „Sustainable Styling" nannte sie das.

Fast jede dieser Frauen habe irgendwann am Rande nachgehakt, ob es die Anzüge ihrer Mutter noch irgendwo gebe. Sie trügen ihre alten immer noch, und die passten auch noch. Beim circa zwanzigsten Mal wurde Strehle stutzig. Warum passte einer Frau von sechzig dieser eine Blazer aus den Neunzigern, das Pendant anderer großer Namen aus derselben Zeit aber längst nicht mehr?

Die Antwort fand sie im Schnitt. Die Schnittkunst auf dem Level, das ihre Mutter beherrscht und damals auf den Markt brachte, ist heute nur noch schwer zu finden und wird noch seltener gelehrt. Heutzutage wird Konfektion von der Stange in Masse und mit möglichst hoher Marge produziert. Das bedeutet für die Endkundin, dass es nur einen standardisierten Schnitt gibt, und der sagt: „So hat dein Körper zu sein."

Die Herausforderung daran ist, dass Frauenkörper sehr viel vielfältiger als die der Männer sind. Dazu kommt, dass sie sich im Laufe des Lebens durch verschiedenste Faktoren immer wieder verändern. Dadurch stoßen standardisierte Schnitte schnell an ihre Grenzen. Strehle bietet hier eine Alternative: „Ein Kleidungsstück sollte sich dem Körper der Trägerin anpassen, nicht andersherum." Eine Frau habe genug zu tun, sagt sie, und müsse nicht auch noch das Gefühl bekommen, ihr Körper sei falsch.

25 Prozent im Nachteil

Wie sich ein schlecht sitzendes Kleidungsstück auf die Performance der Trägerin auswirken kann, hat Strehle ganz am Anfang von der Mitgründerin einer Filmproduktionsfirma erfahren, der sie als eine der Ersten von ihrer Idee erzählte. Die Frau war begeistert, und sie erklärte auch, warum. Sie beschrieb den Moment vor einem wichtigen Termin. Ihr männlicher Mitgründer könne sich vollständig auf das Ziel konzentrieren: Was wollen wir, und wie kommen wir da hin? Sie zupfe am Outfit, überlege, ob der Ausschnitt zu tief sei, der Rock zu eng, wie sie am besten sitze. Zu mindestens 25 Prozent sei sie von dem abgelenkt, was sie eigentlich erreichen wolle. Strehle müsse das unbedingt weiterverfolgen.

Man muss die Zahl nicht wörtlich nehmen, um den Befund ernst zu nehmen. Die Erwartungen an Frauen summieren sich im Laufe eines Tages zu einem Katalog, den Strehle „eigentlich utopisch" nennt: erfolgreich, mütterlich, attraktiv, keinesfalls nachlässig. Für diesen Tag sucht sie ein einziges Kleidungsstück. In die Kita, ins Board-Meeting, abends mit den Freundinnen los, mit dem Hund zum Tierarzt: Ein Anzug passt immer und wirft keine Zweifel auf. Dabei sollte er wie eine zweite Haut sitzen, man sollte sich frei darin fühlen und gut bewegen können. Strehle beschreibt dies mit einem Begriff, der in der Mode selten fällt: „mentale Freiheit", die Möglichkeit, mit voller Kraft in den Tag zu gehen und dabei selbstbewusst aufzutreten.

Die verlorene Kunst, mit der Kundin zu connecten

Die Stammkundinnenquote von fast 90 Prozent liegt auch an der Art, wie Strehle verkauft. Für Strehle ist das eine höchst persönliche Angelegenheit. Jeder Anzug fängt mit der Frau an, die ihn trägt. Strehle stellt den Menschen, dessen Umstände und Leben in den Mittelpunkt: „Ich möchte den Alltag der Kundin verstehen, ihre Unsicherheiten kennen, um dann darauf bestmöglich eingehen zu können." Die meisten ihrer Kundinnen sind über fünfzig, die kaufkräftigste Gruppe in diesem Land, die sich im klassischen Einzelhandel inzwischen häufig nicht gesehen fühlt. Gegen Ende des Termins kommt dann oft das Geständnis, sie hätten sich soeben zum ersten Mal in zehn Jahren verstanden und gehört gefühlt. Hinzu kommt, dass Strehle nicht nur im Immateriellen ein einmaliges Einkaufserlebnis bietet, sondern die Kundin zeitgleich ein Verständnis für den materiellen und qualitativen Wert der Materialien, der Schnittkunst, der versteckten Handwerkskunst und eben all der Kleinigkeiten bekommt, die ihren Maßanzug einmalig machen.

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