Gunter Dueck über humanoide Roboter, Abwehrreflexe und Funktionsmenschen
Der humanoide Roboter wird uns ausgerechnet dort übertreffen, wo wir uns am meisten Mühe geben: im Funktionieren. Gunter Dueck erklärt, warum das eine Warnung ist und trotzdem eine Chance.
Im Zimmer neben seiner Mutter lag eine Frau, die den ganzen Tag dasselbe rief. Jemand solle ihr helfen, sie sei in Not. Niemand kam, weil niemand kommen konnte, und irgendwann sang sie vor Verzweiflung eine Stunde lang Kirchenlieder, hörbar für den ganzen Flur. Gunter Dueck erzählt diese Geschichte aus dem Pflegeheim, in dem seine an Alzheimer erkrankte Mutter lebte, ohne jede Sentimentalität. Er erzählt sie als Rechenaufgabe. Wer diesen Fall menschenwürdig lösen wollte, müsste rund um die Uhr einen Menschen an das Bett setzen, und das bezahlt niemand. Ein Roboter für ein paar Tausend Euro dagegen könnte mit ihr singen und jede Stunde nach ihr sehen. „Das zeigt, dass ich sogar den Menschen ersetzen kann, weil der Mensch eigentlich nicht mehr da ist.“
Es ist ein Satz, der wehtut, und er ist so gemeint. Dueck, Mathematiker, ehemaliger Technologiechef von IBM Deutschland und seit Jahren einer der eigenwilligsten Zukunftsdeuter des Landes, hat ein Buch über humanoide Roboter geschrieben. Darin verteidigt er die Maschinen nicht gegen die Menschen. Er hält den Deutschen einen Spiegel vor, in dem sie zweierlei sehen sollen: eine Technik, die sie wieder einmal unterschätzen, und eine Arbeitswelt, die den Menschen längst so zugerichtet hat, dass eine Maschine ihn mühelos übertreffen kann.
Lernen durch Zusehen
Die Roboter, die man aus deutschen Fabriken kennt, haben kein Gehirn. Sie sind Greifarme in Käfigen, damit sie niemanden verletzen, und jede Bewegung muss ihnen ein Programmierer beibringen. Der Humanoide, wie Dueck ihn beschreibt, funktioniert anders. Ein Sprachmodell, das inzwischen auf einem Rechner für wenige Hundert Euro läuft, wird in einen menschenförmigen Körper gesetzt. Dann stellt man ihn neben einen Menschen und lässt ihn zusehen, bis er die Arbeit selbst übernehmen kann. Deshalb muss er gebaut sein wie wir: Nur ein Körper mit Händen, Armen und Beinen kann nachmachen, was Hände, Arme und Beine vormachen.
Günstig sind die Maschinen schon jetzt. Dueck verweist auf den chinesischen Hersteller Unitree, dessen einfachere Modelle er im Bereich weniger Tausend Euro verortet. Die ersten Einsatzorte sieht er dort, wo die Arbeit am wenigsten individuell ist. In der Arztpraxis könnte ein Humanoider protokollieren, nachfragen und die Berichte für Polizei und Unfallversicherung schreiben, die Ärzte heute nach Feierabend erledigen. Ein kleiner Roboter könnte ein Kind zum Kindergarten begleiten und dabei auf den Verkehr achten, ein anderer Nachhilfe geben. Erst ganz zum Schluss werde der Roboter den Haushalt übernehmen, ausgerechnet jene Aufgabe, die die Deutschen von ihm erwarten. Denn dort gilt für jede Vase und jedes Bücherregal eine eigene Regel. „Der ganze Haushalt besteht aus Sonderregeln, die für jeden Menschen anders sind.“
Die erste Millisekunde
Dass all das unterschätzt wird, gehört für Dueck zum festen Ablauf. Er hat ihn oft genug beobachtet, um eine Theorie daraus zu machen. Wenn etwas Neues auftaucht, entscheide der Mensch in der ersten Millisekunde, ob er es gut oder schlecht findet, und dabei bleibe er. Dueck würde gern eine Studie sehen, die dieses Bauchurteil festhält und dieselben Leute zehn Jahre später erneut befragt. Er tippt darauf, dass kaum jemand seine Meinung ändert. Der Umschwung komme trotzdem, aber er verlaufe in Wellen über ganze Gesellschaften. Vor zehn Jahren wollte sich niemand in ein selbstfahrendes Auto setzen, dann kamen die Szenarien von Autos, die mit Sprengstoff beladen gegen Botschaften rollen. Heute fragen erste Leute, ob man nachts nicht sicherer ohne fremden Fahrer unterwegs wäre.
In der Zwischenzeit helfen sich die Deutschen mit Wörtern. Bücher waren angeblich zu „haptisch“ für den Onlinehandel, bei der KI genügt der Hinweis, sie „halluziniere“, und chinesische Autos „überschwemmen“ den Markt, als sei ihr Erfolg ein Unwetter. Bei den Robotern hat sich der Spott über die Videos aus China festgesetzt, in denen Humanoide tanzen, statt zu arbeiten. Dueck liest darin etwas anderes: den Stolz eines Landes auf das, was es baut. Diesen Stolz unterschätzt zu haben, kostet gerade die deutsche Autoindustrie ihre Stellung. Ford-Chef Jim Farley hat nach Monaten in chinesischen Elektroautos von einer demütigenden Erfahrung gesprochen. In Deutschland, klagt Dueck, werde selbst das kaum zur Kenntnis genommen. Manchmal ist der Widerstand fast rührend. Ein 85-jähriger Nachbar lehnt die Karte an der Supermarktkasse als neumodischen Kram ab. Dueck rechnete ihm vor, dass es die Technik gibt, seit er dreißig war.
Zwei Drittel eines Funktionsmenschen
Am unbequemsten wird Duecks Buch dort, wo es nicht mehr um Maschinen geht. Als Titel schwebte ihm zuerst die vierte, dann die letzte Kränkung der Menschheit vor, in der Reihe von Kopernikus, Darwin und Freud. Gemeint ist die Einsicht, dass der Humanoide uns übertreffen wird, und zwar in genau der Rolle, die wir selbst am meisten pflegen: als Funktionsmensch. Dueck borgt sich die Idee beim Behaviorismus, der nicht ins Innere schaut, sondern nur das Verhalten misst. Wie man sich im Team, im Meeting oder am Bankschalter zu benehmen hat, steht in Handbüchern, und Anreizsysteme sorgen für die Befolgung. „Ich muss nicht lieb sein zu dem Bankkunden, sondern er muss mich als lieb wahrnehmen.“
Was sich so beschreiben lässt, lässt sich programmieren. Wir Menschen kommen nach Duecks Schätzung auf etwa zwei Drittel der Perfektion, die von uns verlangt wird, weil wir müde, abgelenkt oder schlecht gelaunt sind. „Der Humanoide wird ein perfekter Funktionsmensch sein. Und das ist die eigentliche Warnung in meinem Buch.“ Wer einwendet, der Maschine fehle das Bewusstsein, bekommt eine trockene Antwort: „Bitte schreibt mir hin, was ein Bewusstsein ist, und dann mache ich ein Programm dafür.“ Eine Maschine, die nie rumzickt, sei in gewissem Sinn der bessere Mensch und damit die neue Krone der Schöpfung.
Dueck sieht darin auch eine Chance. Gäbe man die Durchhaltereden mancher Vorstände einer KI und fragte, ob darin irgendein Inhalt stecke, fiele das Ergebnis vernichtend aus. Für die Frage, was wir verlieren, hat er ein eigenes Wort erfunden: Demergenz, das Gegenstück zur Emergenz, bei der wachsende Systeme neue Fähigkeiten zeigen. Als Mathematikprofessor hat er erlebt, dass Verstehen nur aus Hunderten Heureka-Momenten entsteht, aus Aufgaben, an denen man sich festbeißt. Studenten, die Lösungen abschreiben, haben diese Momente nie. Die KI, glaubt Dueck, wird diese Trennung vertiefen. Wer sich bloß Antworten geben lässt, wird gerade so im Berufsleben gehalten, wer mit der Maschine streitet, wächst an ihr. Dueck selbst gehört erkennbar zur zweiten Sorte. Seinen einzigen echten Prognosefehler gibt er offen zu: „Ich habe nicht gedacht, dass das mit der KI so schnell geht.“
In der aktuellen Folge von Gin And Talk spricht Daniel Fürg mit Gunter Dueck über humanoide Roboter, die deutsche Skepsis gegenüber neuer Technik und den Funktionsmenschen. Sein Buch „Die neue Krone der Schöpfung“ ist gerade erschienen.