Wolf Biermann über Panik, Musik und verlorene Feinde
Als die DDR ihn 1976 ausbürgerte, verlor der Liedermacher mit dem Land auch seine Gegner. Über die Mühe, wieder Halt zu finden, wenn sich die Welt verschiebt, und über ein Deutschland, das weder über noch unter anderen stehen soll.
Lou Eisler hatte für den Neuankömmling wenig Mitgefühl übrig. Wolf Biermann war gerade aus der DDR ausgebürgert worden, er durfte zum ersten Mal in seinem Leben öffentlich singen und bekam sogar Geld dafür. Trotzdem lief er herum, als sei ihm das größte Unglück widerfahren. Die Witwe des Komponisten Hanns Eisler lachte ihn aus: Warum er herumlaufe „wie das Leiden Jesu zu Pferde“, er solle doch froh sein, dass es ihm endlich besser gehe. Biermann gibt ihr bis heute recht. „Aber das sagt sich leicht, wenn es nicht gerade das eigene Leben ist.“
Was ihm damals fehlte, beschreibt er mit einem Bild aus dem Mathematikunterricht. Ein Punkt in einem Koordinatensystem lässt sich über seine Achsen genau bestimmen. Nun stelle man sich vor, der Punkt bleibe, wo er ist, und das Koordinatensystem bewege sich. „Das heißt, ich habe plötzlich eine ganz andere Stellung gegenüber der Menschheit.“ Die Franzosen haben dafür eine Wendung, die Biermann bei Georges Brassens gefunden hat: die Tramontane verlieren, den harten Nordwind, nach dem man sich richtet. Wer ihn verliert, weiß nicht mehr, was Norden und Süden ist, was richtig und falsch, was gut und böse.
Der Punkt und das Koordinatensystem
Das Paradoxe an Biermanns Lage war, dass ihm im Westen ausgerechnet das abhandenkam, worunter er im Osten gelitten hatte. In der DDR, mit Auftrittsverbot und unter Beobachtung, war die Welt klar sortiert. Er habe in der Regel die richtigen Freunde gehabt, sagt er, „aber auch meistens die richtigen Feinde“. Freunde wie Jürgen Fuchs und Robert Havemann fehlten ihm nach der Ausbürgerung, und mit ihnen fehlte der Gegner, an dem er sich abarbeiten konnte. „Es kann auch schrecklich sein, wenn man seine treuen Feinde verliert. Dann ist man wie ein politisches Waisenkind.“ Man wisse nicht mehr, wohin man schlagen und mit wem man worüber streiten solle.
Drei, vier Jahre habe es gedauert, bis er den Westen so weit verstanden hatte, dass er nicht mehr taumelte. Auf die Frage, was ihm dabei geholfen habe, nennt er keine Einsicht und keinen Freund, sondern die Eitelkeit. Man wolle auf der Bühne nicht versagen, die Freunde nicht blamieren und den Feinden nicht die Freude machen, abzustürzen. So werde die Eitelkeit zu einem guten Stachel. Biermann kennt allerdings auch ihre Kehrseite. Sie könne wirken wie eine Schlaftablette, wenn man nur noch von sich selbst entzückt sei. „Dann kann man sich gleich ins Grab legen.“
Ein Auftrag aus dem Leiterwagen
Warum der Verlust der alten Ordnung ihn so tief traf, erklärt sich aus seiner Kindheit. Sein Vater Dagobert, Kommunist und Jude, saß im Zuchthaus, als der Sohn aufwuchs, und wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Die Mutter Emma hielt den Vater für das Kind lebendig, jeden Morgen mit einer Süßigkeit in einem kleinen Leiterwagen, die als Gruß aus dem Gefängnis galt. Mit dem Vater gab sie dem Sohn eine Aufgabe mit. Sie habe nicht gewollt, dass er Dichter werde, sagt Biermann, „sie wollte nur bescheiden, dass ich die Menschheit rette“. Den Kommunismus aufbauen, zu dem der Vater nicht mehr gekommen war.
Mit sechzehn ging er 1953 aus Überzeugung in die DDR. Schon nach vier Tagen erlebte er an einer Schule in Mecklenburg, wie ein Mädchen gedemütigt wurde, weil es zur kirchlichen Jungen Gemeinde gehörte. Den Fehler suchte er bei den angepassten Mitläufern. „Aber wenn die Genossen im Politbüro das wüssten“, dachte er damals und erkennt heute darin den alten Satz über den Führer, der von allem nichts gewusst habe. Er setzte auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, noch lange, nachdem ihm der Kopf etwas anderes sagte.
Der endgültige Bruch kam erst einige Jahre nach der Ausbürgerung, um 1983. So lange habe er gebraucht, „um im Herzen zu begreifen, was ich im Kopf schon selber wusste“. Die Kinder der Nazis hätten es in seiner Generation leichter gehabt, sich von den Überzeugungen ihrer Eltern zu lösen. Für ihn hätte der Bruch bedeutet, den ermordeten Vater ein zweites Mal zu verraten: „Ich wollte meinen ermordeten Vater nicht nochmal totschlagen.“ Im selben Jahr lernte er Pamela kennen, mit der er bis heute lebt. Biermann deutet solche Zusammentreffen gern mit Hegel: „Das Notwendige setzt sich immer zufällig durch.“ Je notwendiger etwas sei, desto zufälliger wirke der Weg, auf dem es geschieht.
Weder darüber noch darunter
Eine neue Heimat hat er nach der Ausbürgerung nicht gesucht. Mit dem Begriff kann er wenig anfangen, und den beliebten Ausweg, die deutsche Sprache sei die eigentliche Heimat, nennt er ein „starkes Lügenwort“ schwacher Schriftsteller. Er versteht sich als deutsch-deutschen Dichter, als einen der wenigen, die in beiden Teilen des Landes wirklich gelebt haben. Deshalb gehöre er „mehr zum Osten und mehr zum Westen. Beides mehr.“
Sein Verhältnis zu Deutschland hat eine Geschichte, die in München beginnt. 1943 ging er als Sechsjähriger an der Hand seiner Mutter am Hauptquartier der Gestapo vorbei, dort hing ein Plakat: „Die Juden sind Deutschlands Unglück.“ Unglück wünsche er dem Land nicht, sagt er heute, er sei weder Masochist noch Chauvinist. Die Haltung, die er stattdessen vertritt, hat er bei Brecht gefunden. Als Johannes R. Becher die Nationalhymne der DDR geschrieben hatte, wollte Brecht eine bessere verfassen. Er kam, so erzählt es Biermann mit großem Vergnügen, nur bis zu einer ersten Zeile, und die lautete auf Bairisch: „Mir san a scheiß Volk.“ Dass Brecht diesen Satz hinschrieb, findet Biermann „zum Küssen“, und ebenso, dass er nicht auf diesem Weg weiterschrieb. Daraus wurde die Kinderhymne, in der ein gutes Deutschland weder über noch unter anderen Völkern stehen soll, geschrieben gegen die eigene Verbitterung über die Nazizeit.
Orientierung findet Biermann heute in einer Erfahrung, die noch weiter zurückliegt. In der Bombennacht von Hamburg 1943 hat er beobachtet, dass kein einziges Kind weinte. Wer in einem übergroßen Unglück schreie, vergeude Kraft, die er zum Überleben brauche. Daran erinnert er sich, wenn er auf den Krieg in der Ukraine blickt oder auf die Drohungen Xi Jinpings gegen Taiwan. Und er hat an sich selbst beobachtet, was passiert, wenn er sich dem entzieht: „Wenn ich faul und feige bin, werde ich immer missmutiger. Dann ist die Welt immer so schlecht.“
Das Gespräch mit Wolf Biermann, in dem er auch über seine Kindheit in Hamburg, die Lieder seiner Mutter und den neuen Dokumentarfilm „Biermann“ spricht, ist in der aktuellen Episode von Gin And Talk zu hören.