Hannes Ringlstetter über Freiheit, Zweifel und die Kraft der Musik
Warum Mitgefühl gegen den Meldungsstrudel hilft und der Politik gerade ein einziger Satz fehlt.
Hannes Ringlstetter hat die Nachrichten-Apps von seinem Telefon gelöscht. Keine Eilmeldung der Süddeutschen mehr, kein Push vom Spiegel, kein Liveticker. Mit Desinteresse hat das wenig zu tun, eher mit Selbstkenntnis, die er ohne Umschweife ausspricht. Die Taktung der Erregung treibe ihn auf direktem Weg in eine Panikattacke. „Ich komme dann nicht mehr zur Ruhe, und ohne Ruhe gibt es keine Kreativität und kein Einlassen auf den anderen.” Am Ende sitze man vor dem Bildschirm, habe sehr viel Zeit mit all den Meldungen verbracht und merke, dass man nichts davon ändern kann.
Immun ist er trotzdem nicht. Bei Instagram, gibt er zu, sei er gefährdet, weil ihn dort vieles interessiert und ihn die Bilder oft inspirieren. Dann gerät er ins Doomscrolling, für das er sich hinterher verachtet. Am Filmset sieht er Kolleginnen und Kollegen, die in jeder Drehpause zum Handy greifen und fragen, ob man schon mitbekommen habe, was passiert ist. Er will es in diesem Moment nicht mitbekommen. Die kompakte Zusammenfassung einer Tagesschau hält er für eine unterschätzte Errungenschaft. „Ich muss nicht permanent in Echtzeit alles miterleben.”
Seit dem 11. September
Dass wir das Weltgeschehen in Echtzeit erleben und fühlen, beginnt für Ringlstetter mit dem 11. September 2001. Er hat sich die Aufnahmen von damals vor einiger Zeit noch einmal angesehen und war erstaunt, wie lange selbst die Korrespondenten brauchten, um zu begreifen, was sie da sahen. Diese Unvorstellbarkeit gebe es heute nicht mehr. Seitdem realisierten wir Katastrophen sofort und dächten die Reaktion gleich mit. Ein Anschlag könne deshalb kaum noch die Wucht von damals entfalten, die Eskalationsspirale beginne längst auf einer anderen Höhe.
Beim Krieg im Nahen Osten gesteht Ringlstetter, der Geschichte studiert hat, eine Ratlosigkeit ein, die man von öffentlichen Figuren selten hört. Er sei nicht in der Lage, sich eine Meinung zu bilden, mit der er vor andere treten und sagen würde, so und so ist es. Wer behaupte, diesen Konflikt verstoffwechselt zu haben, dem glaube er nicht. Seine Antwort auf den Strudel der Nachrichten ist bescheiden: „Ich gehe jetzt erst einmal ins Mitgefühl.” Viel bringe das nicht, das weiß er. Wer es aber unterlasse, verliere den Humanismus.
Wie trügerisch die Distanz ist, aus der man solche Nachrichten konsumiert, hat ihm eine Dokumentation gezeigt, deren Titel ihm nicht mehr einfällt. Sie besteht aus zufälligen Aufnahmen aus Kiew am Tag vor dem russischen Angriff. Es habe sich genauso angefühlt wie hier, sagt er. Nichts lag in der Luft.
Der Satz, der fehlt
Das Tempo der Meldungen verändert auch, wie Meinungen entstehen. Früher, sagt Ringlstetter, habe man einen Artikel in der Süddeutschen oder der FAZ gelesen, vielleicht noch ein Magazin und die ZEIT, sich mit anderen ausgetauscht, und erst daraus sei allmählich eine Haltung geworden. Dieser Vorgang dauere eigentlich immer gleich lang, egal mit welchen Medien. „Wir haben irgendwann Informationen mit Meinung oder mit Wissen verwechselt”, und deshalb komme man so schlecht wieder von ihr herunter. Er selbst habe sich politisch schon eklatant getäuscht und hält das für einen Grund, weniger apodiktisch zu sein. Der Selbstzweifel sei für die Kunst wie für das politische Denken unverzichtbar. Ausgerechnet Giovanni di Lorenzo nennt er als Vorbild, weil der den Zweifel immer mitformuliere.
Bei Politikern vermisst er genau diesen einen Satz: „Ich weiß es nicht.” Die einen wüssten, wie es geht, die anderen täten so, und im Grunde wisse es keiner. Das verhärte. Erst wer den Zweifel zulasse, öffne wieder einen Raum, in dem man argumentieren und nach Lösungen suchen kann. Auch die sozialen Medien haben eine Hoffnung enttäuscht, die er einmal hatte. Ob jemand im Lehel sitzt oder in Dingolfing, alle hätten denselben Zugang und könnten gleichberechtigt mitreden, so habe er gedacht. Geworden sei daraus vor allem ein Kanal, über den Menschen endlich sagen können, wie unzufrieden sie sind.
Ein Gedanke beschäftigt ihn gerade besonders, er stammt aus Gesprächen mit Robert Habeck und einem Zukunftsforscher. Viele, auch er selbst, hätten der AfD lange eine Liebe zur Vergangenheit unterstellt. Bitterer sei die Erkenntnis, dass sie derzeit die Einzigen sind, die überhaupt eine Zukunft beschreiben. Die Mitte, die Grünen eingeschlossen, verteidige vor allem das Bestehende. „Wir müssen Bilder für die Zukunft schaffen, die über ‚Wir lassen uns die Demokratie nicht kaputt machen’ hinausgehen.” Die verlockende Idee, Talente von außerhalb der Parteien in die Politik zu holen, sieht er dennoch skeptisch. Wer nicht aus dem Apparat kommt, sondern aus dem Marketing, und genau weiß, wie Kommunikation funktioniert, müsse schon ein anständiger Typ sein, sonst spüle man den nächsten Populisten nach oben. Hinzu kommt eine historische Beobachtung, die er nüchtern vorträgt: Alle siebzig bis achtzig Jahre lasse sich dieselbe Geschichte wieder erzählen, sobald der letzte Zeitzeuge nicht mehr lebt.
Was durch einen hindurchgeht
Gegen all das setzt Ringlstetter etwas sehr Altes. Bei einem Freund war er kürzlich zum Essen eingeladen, dort laufen ausschließlich Schallplatten. Alle zwanzig Minuten steht der Gastgeber auf, um sie umzudrehen, und allein dadurch habe sich der Abend verändert, plötzlich sprachen alle über Musik. Ob das eine Rückkehr ist oder bloß Nostalgie, weiß er nicht. Ihm fällt nur auf, wie oft das Gespräch in letzter Zeit darauf kommt, als wären viele mit ihrer Art, Musik zu hören, nicht glücklich. Sein neues Album hat er mit diesem Gefühl aufgenommen, frei von der Frage nach Singles und Radiolängen.
Mit Erinnerungen an bessere Zeiten hat diese Sehnsucht für ihn wenig zu tun. Er erinnert daran, dass ausgerechnet die Neunziger, das wohl sorgloseste Jahrzehnt der Bundesrepublik, die düsterste Musik groß gemacht haben, Grunge, Nirvana, Soundgarden, als hätte man das viele Glück sonst nicht ausgehalten. Was er heute sucht, ist ein Raum. „Es muss Orte geben, die frei sind von all dem”, sagt er. Fehlende Haltung sei das nicht, man wisse ja, wo er stehe. In einer Konzerthalle aber sei ein Idiot ein Idiot, wenn er einem das Bier übers Hemd kippt, gleich was er sonst denkt. „Wir gehen rein in diese Halle, und die gehört jetzt uns allen gleich.”
Wie tief diese Überzeugung reicht, zeigt seine Antwort auf ein Gedankenspiel über den letzten Abend des Lebens. Bühne oder Talkshow? Keins von beidem, sagt er zuerst. Er würde mit den engsten Menschen etwas Stilles und Friedvolles hinterlassen wollen, bei dem es nicht mehr um sein Ego geht. Ginge es aber um Freude, dann um Musik. Gemeinsames Musizieren sei für ihn die „vorspirituelle Energie” dessen, was hoffentlich danach kommt. Musik hält er für das älteste Medium der Menschen. Irgendwer habe irgendwo draufgehauen und gemerkt, dass da etwas herauskommt, das durch ihn geschieht und doch nicht er selbst ist.
Ringlstetters neues Album „Bellavista” erscheint in Kürze. Im Januar und Februar ist er auf Tour, unter anderem mit einem Konzert in der Münchner Isarphilharmonie.