22. Oktober 2026
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Gin And Talk — Episode 204

Jan Weiler über das Sterben, die Angst und die Maschine

Ein Roman über den Zivildienst führt zurück an den Niederrhein des Jahres 1988 und zu der Frage, was eine Gesellschaft von ihren Jungen verlangen darf und was sie ihnen schuldet.

Zu Gast: Jan Weiler · 22. Oktober 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Man stelle sich eine Wohngemeinschaft in Kassel vor. Einer der Bewohner kommt aus Erfurt, einer aus Hamburg, einer aus Wiesbaden, einer aus Garmisch. Ausgesucht hat sich hier niemand, im eigenen Leben wären sie einander nie begegnet, und trotzdem bleiben alle vier ein Jahr. So sieht das Land aus, das Jan Weiler im Kopf hat, wenn er über eine allgemeine Dienstpflicht nachdenkt. „Stell dir mal vor, was das für die Beziehung der Menschen untereinander bedeutet, wenn sie ein Jahr lang mit jemandem zusammenwohnen, der aus einer ganz anderen Ecke kommt.“

Der Gedanke begleitete ihn beim Schreiben seines neuen Romans „Das Vogelhaus“. Dessen Held Leonard hat seine Stelle am Theater verloren und fährt zurück an den linken Niederrhein, weil dort das Haus zum Verkauf steht, in dem er einst den größten Teil seines Zivildienstes geleistet hat. Weiler kennt die Gegend, er ist dort aufgewachsen, „eine melancholische Gegend, besonders im Herbst und Winter“. Und er hat denselben Dienst gemacht wie seine Figur, 1988 im mobilen Hilfsdienst. Das Buch ist entsprechend leise geraten, für einen Autor, den viele mit dem italienischen Schwiegervater aus „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ verbinden, sogar auffallend düster. Er habe großen Spaß daran gehabt, sagt Weiler.

Der Deal

Sein Modell hat er genau durchdacht. Zwölf Monate für alle, die Wahl des Bereichs ist frei, ob Umweltschutz, Altenheim, Pflege oder Bundeswehr. Die Dienste gegeneinander auszuspielen, hält er für Unsinn. Nur zu Hause darf niemand bleiben. „Die Leute sollen das Land, in dem sie wohnen, kennenlernen.“ Zu seiner eigenen Zeit, sagt er, seien die Zivildienstleistenden oft aus derselben sozialen Blase gekommen. In seiner Vorstellung wohnen Menschen zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten.

Den Widerspruch kennt er von seinem Sohn. Der Staat tue für ihn nichts, so lautet dessen Argument, er hinterlasse seiner Generation das Klima, die Bildung, die künstliche Intelligenz und kein Erbe, und zum Dank heiße es dann noch, die Jungen seien faul. Warum also sollte man ausgerechnet für diesen Staat in den Ring steigen? Weiler hat darüber nachgedacht und gibt dem Sohn recht. „Das ist ein richtiger Gedanke. Den hatte ich vor 38 Jahren überhaupt nicht.“ Damals sei ihm selbstverständlich gewesen, dass der Staat ihm eine Menge zur Verfügung stelle. So sähen das junge Leute heute nicht mehr.

Deshalb gehört zu seiner Dienstpflicht ein Gegengeschäft. Wer gedient hat, soll später ein zinsloses Darlehen bekommen, wenn er eine Firma gründen, sich selbstständig machen oder Leute einstellen will. Bezahlen sollen es jene, die von einer Gesellschaft profitiert haben, die ihnen wenig abverlangte, etwa über eine Vermögensteuer. Ein Vertrag, den allein die Jungen erfüllen, sei „ein bisschen ungerecht“.

Weich ist der Vorschlag deshalb nicht gemeint. Auf die Frage, ob junge Menschen bei schweren Erfahrungen eher Schutz oder eher Zumutung brauchen, antwortet Weiler ohne Zögern: „Ich bin Team, da müssen die durch.“ Wer allerdings in seinem Alter über eine angeblich verweichlichte Jugend klagt, bekommt ebenfalls Widerspruch. Hätte es in seiner Jugend Spielkonsolen und Handy-Apps gegeben, „ich wäre durchgedreht“. Die Generation mit drei Fernsehprogrammen und aufgeschürften Knien habe schlicht keine andere Wahl gehabt. „Macht euch da bitte nicht so heilig.“ Das Problem liege woanders. Man könne heute ein ganzes Leben führen, ohne alte, arme oder kranke Menschen zu sehen, und die anderen nehme man „ausschließlich als Kachel bei TikTok“ wahr.

Möbel aus der Halle

Weiler selbst wurde 1988 mitten in diese Welt geschickt. Er wohnte noch bei den Eltern, bekam 800 Mark Sold und fand das für einen Abiturienten viel Geld. Die Arbeit überforderte ihn trotzdem. Er putzte, kaufte ein und kochte bei Menschen, die das nicht mehr selbst konnten, ohne Ausbildung und ohne die Lebenserfahrung, um Kranke oder Traurige zu trösten. Er kam in Wohnungen, in denen das Nötigste fehlte und mit Steinkohlebriketts geheizt wurde. Er saß stundenlang am Bett eines alten Mannes, dessen Frau im selben Krankenhaus an der Dialyse hing, und merkte nicht, dass der Mann starb. Er wartete auf einen letzten Atemzug, der nie kam. Am Abend lief im Kino „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, und Weiler konnte an nichts anderes denken.

Gelernt hat er von den Alten vor allem eines: weiterzumachen. Drei Stufen vor der Haustür genügen, um sich die Hüfte zu brechen und nie mehr nach Hause zu kommen. Mit jemandem, der so lebt, ein Kreuzworträtsel zu lösen oder sich alte Geschichten erzählen zu lassen, fand er „wahnsinnig intensiv“, gerade weil es die letzte Geschichte sein konnte, die dieser Mensch erzählt.

Viele dieser Geschichten handelten vom Krieg, der damals 43 Jahre zurücklag. Weiler erinnert sich an eine alte Dame, die ihm erklärte, so schlimm sei der Krieg gar nicht gewesen. Nach der Ausbombung habe man sofort eine neue Wohnung bekommen und sei in eine Halle voller Möbel gebracht worden, aus der man sich einfach etwas aussuchen durfte. Woher diese Möbel stammten, fragte sie nicht. Wie diese Generation ausblendete, was sie getan oder gesehen hatte, beschäftigt auch den Roman. Ein Molekularbiologe, den Leonard betreut, erklärt ihm die Epigenetik, nach der Traumata zwar nicht die Gene verändern, wohl aber die Schalter, die sie an- und ausschalten. Das betrifft Opfer und Täter gleichermaßen, und es betrifft Kinder, deren Väter in den Vierziger- und Fünfzigerjahren aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten. „Die Traumata sickern weiter in uns hinein, bis in unsere Persönlichkeitsstrukturen.“ Im Lektorat schrumpfte die Passage auf etwa eine Seite. Ein Roman, findet Weiler, solle eine gut erzählte Geschichte sein und kein Erziehungsprogramm.

Ein Witz ist ein Geschenk

Wie eine gut erzählte Geschichte entsteht, darüber hat Weiler beim „Vogelhaus“ umgelernt. Zum ersten Mal hängte er Zettel an die Wand, mit Farben für die Zeitebenen und Namen für die Figuren, eine Methode, die er bis dahin für prätentiös gehalten hatte. Eine Linie auf diesen Zetteln war für die Komik reserviert. Wo das Buch zu schwer wird, braucht es eine Episode oder nur eine Formulierung, die es wieder hochzieht. So sei auch das Leben, sagt Weiler: Man erzählt sich etwas, alle lachen, dann kommt jemand herein und sagt, er habe gerade aus Versehen eine Katze überfahren.

Die Arbeit an Gliederung und Struktur gibt er an keine Maschine ab. Sie gehöre zum kreativen Prozess, „das ist mein Auftrag“. Für die Recherche nutze er künstliche Intelligenz wie jeder, für Diagnostik und Verwaltung halte er sie für großartig, und wer sich beim Bewerbungsschreiben helfen lasse, solle das ruhig tun. Beim Erzählen ziehe er eine Grenze, weil Geschichten aus einem Bedürfnis entstünden. Wer einem anderen einen Witz erzählt, will ihn lachen sehen. „Das ist so, als hätte ich dir kurz den Nacken massiert. Ich habe was für dich getan.“ Dasselbe gelte zwischen Autor und Lesern, zwischen Schauspielern und Publikum, im Ballett, wo sich Tänzer abmühen, um ein Gefühl von der Bühne in den Saal zu tragen. Einen Roboter könne man dort irgendwann auch hinstellen, und die Leute würden sagen, das sei fast wie echt. „Aber eben nur fast.“

Was eine Maschine im Stil von Jan Weiler zustande bringt, hat er gesehen. Schulklassen, die seinen „Markisenmann“ lesen, lassen sich zum Spaß Kolumnen in seinem Ton schreiben, und die Programme erkennen sogar seine Vorliebe für Ellipsen. Gut wird es nie. Interessieren tut ihn das ohnehin „nicht die Bohne“. Sein nächstes Buch soll übrigens wieder komisch werden, weil Geschichte, Material und Personal es so verlangen.

Jan Weiler war zum vierten Mal zu Gast bei Gin And Talk und hält damit den Rekord des Formats. In Episode 204 spricht er mit Daniel Fürg über seinen Roman „Das Vogelhaus“, über den Zivildienst am Niederrhein, über eine Dienstpflicht mit Gegenleistung und darüber, warum Algorithmen keine Geschichten erzählen können, die ihn interessieren.

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