Michi Schreiber über Affen, Amnesie und die 29. Minute
Nach einem Unfall erinnert sich nur noch einer von beiden an die gemeinsamen Jahre. Über eine Ehe, die das Gedächtnis für zwei tragen muss.
Einmal in der Woche führt Michi Schreiber ein Interview mit ihrem Mann. Sie wählt das Thema, er erzählt, sie tippt mit und legt ihm danach einen kleinen Aufsatz vor, in dem er anstreicht, was nicht stimmt. Das Thema ist jedes Mal ein Stück ihres eigenen Lebens, etwas, das die beiden gemeinsam erlebt haben und von dem sie nichts mehr weiß. „Wenn da nichts ist, musst du es extrem detailliert beschreiben, damit das Bild korrekt wird“, sagt sie. Marc musste lernen, wie viel er erzählen muss, damit aus seiner Erinnerung wieder ihre wird.
Die Erinnerungen fehlen seit dem 2. Januar 2025. Bei Jeffreys Bay in Südafrika rammte ein überholender Wagen das stehende Auto der beiden von der Seite, die Airbags lösten nicht aus. Marc musste an Schulter, Bauchraum und Wirbelsäule operiert werden. Bei Michi brach die rechte Gesichtshälfte, ihr Gehirn schwoll an, sie erlitt eine globale Amnesie. „Bei mir waren alle Brüche Hals aufwärts und bei Marc alle Hals abwärts“, sagt sie heute.
Der leichteste und der schwerste Tag
Sechs Wochen lang lebte Michi Schreiber in Zeitschleifen von zehn, fünfzehn Minuten, und Marc beantwortete ihre Fragen jedes Mal neu. Dann wachte sie eines Morgens auf und erinnerte sich an den Vortag. Für ihn wurde die Last an diesem Tag leichter, für sie begann die Schwere. Zum ersten Mal begriff sie, dass ihr Jahre fehlten. Sie hielt es für 2022 oder 2023. „Wir standen wahnsinnig oft an anderen Punkten“, sagt sie.
Was fehlte, merkte sie an Kleinigkeiten. Andere Gläser, ein Garten mit neuen Beeten, zwei Zahnbürsten und keine Ahnung, welche ihre war. Freunde hatten Kinder bekommen, ein Paar hatte sich getrennt, im Fitnessstudio las sie, dass Donald Trump wieder Präsident war. Solange Marc nach seinen Operationen zu Hause blieb, war er ihr Nachschlagewerk, „auf permanenter Rufbereitschaft“. Als er nach drei Monaten wieder arbeiten ging, saß sie allein vor E-Mails von Leuten, deren Namen ihr nichts sagten. Sie nennt das einen Sprung ins arktische Wasser.
Wie sehr die beiden aufeinander angewiesen waren, zeigt eine Episode, über die sie heute lacht. Beim Rummikub fielen Spielsteine unter das Sofa. Sie durfte sich nach der Gesichtsoperation nicht bücken, er nach der Schulteroperation die Arme nicht benutzen. Die Steine lagen zwei Wochen dort. „Das war der Endgegner.“ In der Reha lernte sie eine Frau kennen, die ihr Gedächtnis ebenfalls verloren hatte, weit wegzog und von vorn anfing. Schreiber vergleicht ihre eigene Lage mit einem Puzzle aus 20.000 Teilen ohne Vorlage. Ohne jemanden, der sagt, wohin welches Teil gehört, sei das kaum zu schaffen.
Ein Leben ohne Kompromisse
Das Leben, das ihr nach dem Unfall zu entgleiten drohte, hatte sie sich hart erarbeitet. Mit 18 verliebte sie sich als Freiwillige in Südafrika in Primaten, weil man in ihnen so viel von sich selbst wiedererkennt. Weil ihre Eltern den Plan für unmöglich hielten, studierte sie zunächst Englisch und Philosophie auf Lehramt. Gegen Ende des Bachelors fragte sie sich, was wäre, wenn sie ihr ganzes Leben in Kompromissen lebte. „Ich habe ja nur ein Leben.“ Es folgten ein Master in Primatologie und 2021 der Verein Affenstark.
Den Anlass gab ein Todesfall in Kenia, wo Schreiber eine Doktorandin bei der Beobachtung von Affen begleitete. Ein Jungtier starb, und Verhaltensforscher greifen nicht ein. „Ich bin eine schlechte Verhaltensforscherin, weil ich es nicht ertrage, wenn ein Tier stirbt.“ Nahe Jeffreys Bay plant sie nun eine Auffangstation für Tiere aus dem illegalen Wildtierhandel. Gefragt seien dort keine Elefantenretter, davon gebe es genug, sondern Menschen für Schildkröten, Stachelschweine, Erdmännchen und kleine Antilopen. „Niemand sagt, ich will nach Südafrika auf Safari, um das Porcupine zu sehen.“
Auch hier spielt Marc eine Rolle, nicht immer eine dankbare. Er ließ sich zum Schlangenfänger ausbilden, damit die Station den Townships helfen kann. Und er erlebte, wie Bodhi, ein verwaistes Pavianbaby, das Michi mit der Flasche aufzog, ihn von Herzen hasste. Bodhi schlief nur an Michis Ohrläppchen. Als er nachts merkte, dass er sich an Marcs Nase festhielt, schrie er und riss sich vor Schreck die Windel ab. Marc schlief danach auf dem Sofa.
Auf dem Blatt des anderen
In der Reha hörte Schreiber, dass dieses Leben vorbei sein könnte. Im Reaktionstest schnitt sie schlechter ab als zwei Mitpatientinnen von 79 und 85, die Ärzte hielten Forschung und Promotion für unrealistisch. Marc reagierte mit Zuversicht, und genau das half nicht mehr. „Ich brauche gerade jemanden, der sich an diesen Tiefpunkt zu mir setzt und mit mir trauert und mir erst mal hochhilft“, hat sie ihm gesagt.
Die Wende kam durch Marcs schwächsten Moment. Er verliert nie die Ruhe, außer wenn Borussia Dortmund spielt, dann ist er „Pessimist hoch zehn“. Sie lag neben ihm auf dem Sofa, hörte ihn schimpfen, die verlieren sowieso, und merkte, dass sie über ihr Leben dasselbe dachte. Es lief die 29. Minute. „Warum bin ich so pessimistisch? Es ist mein 29. von 90.“ Heute sitzt sie wieder an ihrer Doktorarbeit, langsamer als früher, mit Mittagsschlaf im Kalender.
Wenn sie sich als Paar festfahren, legt Schreiber zwei weiße Blätter auf den Boden, eines mit Marcs Namen, eines mit ihrem, und jeder stellt sich auf das Blatt des anderen. Wer zuerst gesehen werden darf, entscheidet ein Würfel. Streit entstehe immer da, wo beide gleichzeitig gesehen werden wollen. Ihr Bild dafür ist ein Schiff: Leichte Schieflage lässt sich schnell korrigieren, liegt es erst kieloben, wird es schwer.
Die größte Probe kam elf Monate nach dem Unfall. Die beiden flogen zurück nach Südafrika, die Unfallstelle war für Michi eine Straße wie jede andere. Nach drei Wochen musste Marc zurück zur Arbeit, sie blieb allein, nach fast einem Jahr, in dem sie oft ganz von ihm abhängig gewesen war. Sie lernte noch einmal surfen. Als sie weit draußen Übelkeit überfiel, kämpfte sie sich an Land und hielt das Brett über den Kopf. „Ich finde immer Lösungen“, sagt sie. Nur für die Rummikub-Steine unter dem Sofa hat es damals nicht gereicht.
Kurz vor ihrer Rückkehr nach Südafrika hat Michi Schreiber in München mit Daniel Fürg für den Podcast Gin And Talk über ihre Ehe, ihre Affen und ihr zweites Leben gesprochen. Die Geschichte der beiden steht in dem Buch „Ich erinnere mich für dich“, das sie gemeinsam mit Marc geschrieben hat.