Stella Grammling über Irrtümer, Mythen und die Bibel
Was eine Religionslehrerin mit einer Schwäche für die Bronzezeit über das Lernen in Zeiten der Maschinen weiß.
Gegen Ende des Schuljahrs kommt meistens dieselbe Bitte. Ob man nicht noch eine kleine Einführung in die Keilschrift bekommen könne, fragen die Schüler, und Stella Grammling sagt dann gern zu. Sie erzählt von Kindern, die zum ersten Mal die Zeichen auf einer Tontafel sehen, und von dem Moment, in dem sie erfahren, dass es nicht nur eine Keilschrift gibt, sondern viele. Diese Faszination sei „unfassbar hinreißend“, sagt sie. Im Lehrplan steht davon nichts. Grammling unterrichtet Religion, Geschichte darf sie nicht geben, und Archäologie kommt an deutschen Schulen ohnehin kaum vor.
Dass sie überhaupt vor einer Klasse steht, ist einem Versehen zu verdanken. In der Pandemie stellte eine Schule sie ein, obwohl ihr dafür die formale Qualifikation fehlte. Um bleiben zu dürfen, studierte sie nachts Religionspädagogik, als weiteres Fach in einer Reihe, die mit Finanzwirtschaft begann und über Theologie in Heidelberg zur Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie führte. Die Entscheidung für die Assyriologie fiel, als ein Dozent bemerkte, ohne sie tauge man nie zu einem anständigen Theologen. Grammling, nach eigenem Bekunden ein impulsiver Mensch, brauchte dafür fünf Minuten. Auf Instagram, wo sie als @schleichbildung inzwischen ein Publikum vom Teenager bis zum Rentner erreicht, begann sie ursprünglich nur, um ihren eigenen Schülern ein paar alte Sprachen unterzujubeln.
Zwei Stunden in der Woche
Wer mit ihr über Schule spricht, hört wenig Klage und viel Realismus. Der Geschichtsunterricht sei festgefahren, sagt sie: Römer, Griechen, irgendwann die Französische Revolution, und dazwischen fehlt die Vielfalt der Perspektiven. Gleich darauf stellt sie die Gegenfrage, ob mehr bei zwei Wochenstunden überhaupt möglich sei. Vielleicht könne der Unterricht nur Schlaglichter setzen. „Was wir mitgeben können, ist Begeisterung und die Fähigkeit zu vielen Perspektiven.“ Sie selbst hatte einen Lehrer, der ihr noch heute, längst pensioniert, Unterlagen schickt. Für die Römer hat er sie trotzdem nur ein bisschen erwärmen können.
Die Lücken, die so entstehen, bilden den Stoff ihres Buches Die größten Irrtümer der Weltgeschichte. Manche Irrtümer sind schlicht Unkenntnis, und die hält Grammling für ebenso folgenreich wie eine falsche Behauptung. Erst diese Woche, erzählt sie, hätten Kinder ihr erklärt, die Römer hätten als Erste Wasserleitungen gebaut. Das sei süß, und sie wolle niemandem widersprechen, aber es stimme nicht. Kaum jemand kennt die Induskultur, die ein befreundeter Wissenschaftler sich als Kapitel wünschte, und kaum jemand das Reich von Mittani, über das Grammling in Seminaren mit drei Teilnehmern saß, obwohl es ein Großreich war und die Forschung gerade viel Neues zutage fördert.
Begriffe, die nicht begriffen sind
Die naheliegende Frage ist, ob all das noch nötig ist, wenn jede Antwort in Sekunden verfügbar ist. Grammling schätzt die neuen Werkzeuge, und sie tut es ohne Koketterie. Sie erinnert sich an Abschlussarbeiten, für die sie Aufsätze aus anderen Städten bestellen und vollständig lesen musste, und beneidet beinahe die Archäologen der Siebzigerjahre, die fünfzig Töpfe fotografierten, den Kontext auf zehn Seiten zusammenfassten und damit promoviert wurden. Heute verlange man den Überblick, und dabei helfe die KI enorm.
Die Gefahr sieht sie an einer anderen Stelle. In Abschlussklassen höre sie manchmal, wie ein Vortrag ins Stocken gerät, weil „Begriffe vorgetragen werden, die nicht begriffen sind“. Die Maschine liefert den Fakt, aber nicht die Verknüpfung, und die hängt davon ab, worauf man hinauswill. Wer heute nach dem einen Aspekt fragt und drei Monate später nach dem nächsten, ohne die erste Antwort behalten zu haben, baut keinen Zusammenhang auf. „Die Kontextualisierung müssen wir immer noch selbst leisten.“ Dass die Maschine auch bei den Fakten irrt, hat Grammling selbst erlebt. Ein Zitat, das ihr eine KI aus einem Buch präsentierte, kam ihr seltsam vor. Sie schlug nach, es stand nicht drin.
Noch grundsätzlicher wird sie, wenn es um Sprachen geht. Der Gedanke, Fremdsprachen seien an Schulen bald überflüssig, weil Maschinen übersetzen, verkennt in ihren Augen, dass mit einer Sprache auch eine Denkweise verschwindet. Grammling, die Arabisch und Persisch an der Universität gelernt hat und im Kopf manchmal noch aus dem Russischen übersetzt, kennt die Folgen. Wenn jemand sich über die Unhöflichkeit eines Gegenübers beschwert, fragt sie nach dessen Muttersprache, und oft lautet die Antwort, dass einfach wörtlich übersetzt wurde. Solche kulturellen Codes, sagt sie, lassen sich nicht abrufen. Man muss sie einüben.
Ein Buch unter vielen
Dieselbe Sorgfalt verlangt sie im Umgang mit der Bibel, und dort macht sie sich, wie sie selbst einräumt, nicht überall beliebt. Für Grammling ist die Bibel zunächst ein vorderorientalisches Buch, eines unter vielen, voller Mythenkonstrukte und Geschichtsperspektiven. Wer die Königebücher mit den Inschriften Nebukadnezars vergleicht, erkennt zwei Sichtweisen auf dieselbe Angelegenheit. Das Bedürfnis, aus diesen Texten Antworten auf heutige Fragen zu ziehen, hält sie für eine Überforderung. Zwischen uns und ihnen liegen zwei- bis dreitausend Jahre und Sprachen, die anders funktionieren als das Deutsche. Sie einfach so lesen zu wollen, sei „illusionär“.
Wie viel daran hängen kann, erlebte sie in einer Unterrichtsstunde während der Pandemie, als eine Schülerin aufgewühlt erklärte, die Bibel sei gegen Homosexualität. Grammling ahnte, dass es um verletzende Erfahrungen in einer Gemeinde ging, und sprach mit ihr nach dem Unterricht. Über die Gemeinde konnte sie nichts sagen, über die Texte schon. Im Vergleich mit dem Rechtsdenken ihrer Umwelt zeigte sich, dass die Bibel über Homosexualität schweigt, weil es das Konzept damals nicht gab. Verurteilt wird Gewalt an Menschen. Sich ernsthaft mit diesen Texten zu befassen, schütze vor Fanatismus, sagt Grammling, gleichgültig, ob er religiös oder atheistisch auftritt.
Glauben und Religion hält sie dabei streng auseinander. Glaube sei, was einen im besten Fall trage. Ihre eigene Beziehung zur Theologie begann ohnehin nicht als Glaubenssuche, sondern aus Liebe zu alten Schriften: Griechisch, Hebräisch, schließlich Talmudisches Hebräisch an der Hochschule für Jüdische Studien. Dass sie im Examen ausgerechnet in praktischer Theologie durchfiel, bei Bestnoten in allen anderen Fächern, erzählt sie lachend. Es habe wohl Gründe gehabt.
Die Wehmut nach der Forschung ist geblieben. Wenn sie irgendwo Keilschrift sieht, denkt sie an die Ruhe der Bibliothek und an die Verzweiflung, ob eine Kerbe auf der Tafel ein Keil ist oder nur eine Bruchstelle. Den Weg zurück in die Wissenschaft schließt sie nicht aus, plant ihn aber auch nicht. Ihr Buch entstand, weil ihre Verlegerin ihr ausgerechnet während einer Notenkonferenz schrieb, eine Woche nachdem Grammling einer Freundin erzählt hatte, wie gern sie ein Buch schreiben würde. Manchmal, sagt sie, solle man einfach dem Fluss vertrauen. Ein zweites Buch gebe es vielleicht schon.
Das vollständige Gespräch mit Stella Grammling über Geschichte, Irrtümer und Glauben ist in der aktuellen Episode des Podcasts „Gin And Talk“ zu hören. Ihr Buch „Die größten Irrtümer der Weltgeschichte“ ist gerade erschienen.