22. September 2026
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Gin And Talk
Gin And Talk — Episode 200

Daniel Fürg über Gespräche, Abschiede und Mut

Eine Minute dreißig hat die „Tagesschau" für ein Thema, eine Stunde hat der Tresen. Vor der zweihundertsten Folge seines Gesprächsformats hört Daniel Fürg allein noch einmal zu und findet Sätze, die sich nur in Ruhe sagen lassen.

22. September 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Eine Minute dreißig. So lange dauert in der „Tagesschau" ein Beitrag, und Natalie Amiri, die viele davon gemacht hat, beschreibt am Tresen, was in diese Spanne passt und was nicht. Melden lässt sich darin fast alles. Erklären lässt sich darin wenig. Für das Eigentliche, sagt die Journalistin, für die Frage, was ein Land, ein Konflikt oder ein Mensch wirklich ist, bleibe kein Platz: „Aber dafür ist keine Zeit." Der Satz beschreibt nicht nur ihr Medium. Er beschreibt den Zustand, gegen den ein Gesprächsformat seit sechs Jahren anredet, ohne je dagegen anreden zu wollen. Es setzt sich einfach hin und lässt die Uhr aus dem Blick.

Ein Tresen, den keine Verordnung erfasste

Begonnen hat das im Frühjahr 2020, als in Deutschland ausgerechnet das fehlte, wonach man sich in jenen Wochen am meisten sehnte: ein Ort, an dem man mit jemandem sitzen kann. Alle Tresen des Landes waren verwaist. Daniel Fürg, Ende März von einer langen Reise durch die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, besaß einen, den keine Verordnung erfasste, den im eigenen Studio. Im Mai nahm dort ein Format seinen Anfang, das den Gin im Namen trägt.

Ausgerechnet der erste Gast räumte das Thema umgehend ab. Der Münchner Barmann Stefan Gabányi hielt vom Hype um den Wacholderschnaps erkennbar wenig. „Man muss jetzt nicht jeden Quatsch mitmachen", sagte er, und dass jemand für einen halben Liter „Neutralsprit mit Aroma" vierzig Euro verlange, sei „saufrech". Knapp zweihundert Gespräche später lässt sich festhalten: Der Gin stand immer auf dem Tresen, gesprochen wurde über alles andere. Pfarrer Rainer Maria Schießler hat den Grund dafür in eine Szene gefasst. Er lässt Gott die zerstrittenen Religionen fragen: „Wieso habt ihr nicht miteinander gesprochen? Ihr hattet doch so viel Zeit." Die Frage gilt nicht nur Religionen.

Wenn es am Tresen still wird

Wer sich die Zeit nimmt, hört etwas, das in der Minute dreißig nicht vorkommt: wie es still wird. Charlotte Knobloch erzählt von dem Tag, an dem sie in München den Grundstein für eine neue Synagoge legte, und fasst ihn in einen Satz: „Jetzt habe ich meine Koffer ausgepackt." Eva Umlauf, als Kleinkind nach Auschwitz deportiert, hat auf die Frage nach ihrem Überleben keine Antwort. Sie hat eine Entscheidung: „Ich suche mir das Glück aus."

Lars Amend sitzt wochenlang am Sterbebett seiner Mutter. Er bittet um ein Gespräch, um eines jener letzten Gespräche, von denen man annimmt, man müsse sie geführt haben, und erhält zwei Worte: „Alles gut." Erst eine Krankenschwester berichtet ihm später, worauf die Mutter am Ende bestand. Sie wollte das T-Shirt tragen, das er ihr einmal mitgebracht hatte, bedruckt mit dem Wort „dankbar". „Das war ihre Art zu sagen: Ich liebe dich", sagt Amend. Die Geschichte braucht ihre Länge. Auf Sendungsmaß gekürzt, bliebe von ihr eine Anekdote über ein T-Shirt.

Hoffnung, die nicht auf ein gutes Ende setzt

Heiterkeit auf Bestellung folgt daraus nicht. Wolfgang Thierse, dem die DDR den verordneten Optimismus gründlich ausgetrieben hat, hält sich an Václav Havel: Hoffnung heiße nicht, dass eine Sache gut ausgeht, sondern dass sie in sich vernünftig und richtig ist. Wer so denkt, braucht keine Aussicht auf Erfolg, um weiterzumachen, sondern nur die Gewissheit, das Richtige zu tun.

Ein einziges Mal spielt der Gin dann doch die Hauptrolle. Marcel Reif steht bei einem Sundowner in der südafrikanischen Savanne, vor sich Giraffen und Zebras, in der Hand einen Gin Tonic, und ihm kommen die Tränen. Wer um Himmels willen seien wir eigentlich, fragt er, „die Menschlein, die da rumstehen mit ihrem Sundowner"? Um diese Frage kreisen die Gespräche seit sechs Jahren, und vielleicht braucht es zu ihrer Verhandlung tatsächlich einen Tresen, einen Ort, an dem zwei Menschen nichts weiter vorhaben, als Zeit zu haben. Marianne Koch, beim Gespräch 93 Jahre alt, gibt den Jüngeren zwei Worte mit: „mutig sein". Der Gin war dabei nie das Thema. Er war der Vorwand.

Fotocredit: Daniela Pfeil

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