25. September 2026
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Daniel's Daily — Episode 28

Die Einzeltäter-These

Am Samstag früh, eine Stunde bevor die Wiesn öffnet, wird am Haupteingang der Toten des Oktoberfestattentats gedacht. Dass dort heute die richtige Geschichte erzählt wird, ist das Werk von Menschen, die vierzig Jahre nicht lockerließen.

25. September 2026
Zum Nachlesen — das Gespräch als Essay

Wer an diesem Wochenende auf das Oktoberfest geht, kommt an einer Gedenksäule vorbei, die seit 1981 am Haupteingang steht und seit 1987 zwölf Namen trägt. Vergangenen Samstag, beim Einzug der Wirte, hielt dort die Kutsche des Oberbürgermeisters für einen Moment inne, auf Wunsch von Überlebenden, und am Morgen dieses Samstags, um acht Uhr, versammeln sich an derselben Stelle Überlebende, Angehörige und Vertreter der Stadt. Es ist der 46. Jahrestag jenes Abends, an dem um 22 Uhr 19 eine Bombe in einem Abfallkorb explodierte, rund 1,3 Kilogramm militärischer Sprengstoff, zwölf Tote, unter ihnen drei Kinder, mehr als zweihundert Verletzte, dazu der Attentäter selbst, der 21-jährige Gundolf Köhler. Es war der schwerste rechtsterroristische Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Nur nannte ihn die Bundesrepublik lange nicht so: 1982 stellte die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen mit der Begründung ein, wahrscheinlicher als eine politische Tat sei, dass Köhler „aus einer schweren persönlichen Krise und/oder aus übersteigertem Geltungsbedürfnis heraus gehandelt hat", und das, obwohl seine Verbindungen zur rechtsextremen Szene und zur verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann früh bekannt waren und die Bundestagswahl zwischen Schmidt und Strauß nur neun Tage entfernt lag.

Die Korrektur dieser amtlichen Erzählung dauerte 38 Jahre, und sie hat Namen. Werner Dietrich, Anwalt aus München, vertrat seit 1982 Überlebende und stellte drei Wiederaufnahmeanträge. Ulrich Chaussy, Journalist beim Bayerischen Rundfunk, veröffentlichte 1985 ein Buch über die Widersprüche der Ermittlungen und wies nach, wie früh die Suche nach möglichen Begleitern des Täters in den Hintergrund getreten war, obwohl Zeugen Köhler kurz vor der Explosion mit zwei Männern gesehen haben wollten. Neben den beiden hielten Überlebende, Angehörige und die Gewerkschaftsjugend das Gedenken über Jahrzehnte wach, in denen die Tat offiziell als unpolitisch galt. Den Durchbruch brachte ausgerechnet ein Spielfilm: „Der blinde Fleck" von 2013 machte die Recherche einem Millionenpublikum bekannt, neue Zeugen meldeten sich, und im Dezember 2014, während das Land das Behördenversagen um den NSU aufarbeitete, ordnete der Generalbundesanwalt die Wiederaufnahme an.

Was ein Wort verändert

Das Ergebnis, verkündet im Juli 2020 nach mehr als tausend Vernehmungen und über 300.000 Seiten Akten, ist eine doppelte Wahrheit, die Genauigkeit verlangt. Belege für Mittäter oder Helfer fanden die Ermittler nicht in ausreichendem Maß, ausschließen konnten sie deren Beteiligung ebenso wenig, die Einzeltäterfrage bleibt bis heute offen. Amtlich korrigiert wurde das Motiv: Köhler handelte „aus einer rechtsextremistischen Motivation heraus", wollte die Wahl beeinflussen und strebte einen Führerstaat nach nationalsozialistischem Vorbild an. Für die Überlebenden war das mehr als Semantik. Erst nach dieser Einstufung legten Bund, Freistaat und Stadt einen Solidaritätsfonds über 1,2 Millionen Euro auf, ausgezahlt 2021 an 90 Betroffene, nach Jahrzehnten, in denen viele um angemessene Anerkennung kämpfen mussten. Seit 2020 erzählt zudem der Erinnerungsort „Dokumentation Oktoberfest-Attentat" direkt neben der Säule die Geschichte, erarbeitet mit Überlebenden, kostenlos zugänglich, auch während des Festbetriebs. Wer also in diesen Tagen zwischen Haupteingang und Festzelt unterwegs ist, dem sei ein Umweg von wenigen Minuten empfohlen: die zwölf Namen lesen, den Ort daneben besuchen, und im Weitergehen daran denken, dass diese Genauigkeit keine Selbstverständlichkeit war, sondern erkämpft.

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