Die Katastrophe, die ausfiel
In der Silvesternacht 1999 blieb die befürchtete Computer-Katastrophe aus. Seither streiten zwei Lager um dieselbe Nacht – teuerste Panik oder größte Vorsorgeoperation der Geschichte? Ein Blick in die Vergangenheit.
Der Feuerwehrmann, der löscht, hat Bilder. Der Statiker, dessen Brücke steht, hat keine. In dieser Asymmetrie liegt das Problem jeder erfolgreichen Vorsorge – und in ihr liegt auch der Grund, warum ein Vierteljahrhundert nach der Silvesternacht 1999 immer noch gestritten wird, ob die Welt damals einer echten Gefahr entkommen ist oder einer erfundenen aufgesessen. Am 3. Januar 2000 trat John Koskinen, Jahr-2000-Beauftragter des US-Präsidenten, vor die Presse und erklärte, der Millennium-Bug sei „zerquetscht" worden. Seitdem stehen sich zwei Erzählungen gegenüber, die aus derselben ereignisarmen Nacht entgegengesetzte Schlüsse ziehen.
Zwei Ziffern, ein Weltproblem
Der Fehler war keine Panne, sondern eine Sparmaßnahme. In der Frühzeit der Computerei war Speicherplatz teuer, also verkürzte man Jahreszahlen auf zwei Stellen. Aus 1963 wurde 63, die 19 dachte sich die Maschine hinzu. Vernünftig, solange niemand annahm, dass diese Programme Jahrzehnte überdauern würden. Sie überdauerten Jahrzehnte. Ein Rechner, der im Jahr 00 aufwacht, kann es für 1900 halten – mit allen Folgen für Zinsberechnungen, Fristen, Alter, Wartungsintervalle.
Bob Bemer, Mitentwickler der Programmiersprache COBOL, warnte ab 1971 und wurde weitgehend überhört. Erst ein Artikel des kanadischen Beraters Peter de Jager im September 1993 im Fachmagazin Computer World machte aus dem Fachthema ein Weltthema. De Jager schätzte die weltweiten Reparaturkosten damals auf 50 bis 70 Milliarden Dollar. Er sollte sich deutlich unterschätzt haben. Die Analysten von Gartner bezifferten die Gesamtaufwendungen später auf 300 bis 600 Milliarden Dollar, ein Ökonom sagte eine weltweite Rezession mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit voraus, andere den Zusammenbruch der Zivilisation. Um die Angst herum wuchs ein Markt aus Ratgebern, Vorratspaketen und Notstromaggregaten.
Die Nacht, in der doch etwas geschah
Dass in der Silvesternacht „nichts passiert" sei, stimmt nur ungefähr. Die Countdown-Webseite des US Naval Observatory, ausgerechnet der Instanz hinter der amtlichen Zeit, zeigte als Datum den 1. Januar 19100. Das japanische Kernkraftwerk Onagawa übertrug ab zwei Minuten nach Mitternacht zehn Minuten lang bestimmte Überwachungsdaten nicht. In Virginia konnte eine Bodenstation die Daten von Spionagesatelliten stundenlang nicht auswerten – Ursache war laut einem zeitgenössischen Bericht ein missglückter Jahr-2000-Patch. Verstreute, kleine Störungen, keine katastrophal, keine vollständig erfasst.
Ein Fall aber verbietet jede Leichtigkeit. Im englischen Sheffield rechnete ein Laborsystem, das Schwangeren-Screenings mehrerer Krankenhäuser auswertete, nach dem Jahreswechsel das Alter der Frauen falsch. Von Anfang Januar bis Ende Mai fiel das niemandem auf. 154 Schwangere erhielten potenziell falsche Risikoeinschätzungen zum Down-Syndrom, Frauen, die früh weiterführende Untersuchungen bekommen hätten, wurden fälschlich beruhigt. Vier Kinder mit Down-Syndrom kamen nach falscher Entwarnung zur Welt. Zwei Schwangerschaften wurden nach der verspäteten Diagnose noch abgebrochen. Der Programmierfehler hat kein Kind krank gemacht. Sein dokumentierter Preis besteht in falscher Information, verzögerter Diagnostik und Entscheidungen unter den denkbar schwersten Bedingungen.
Der Fall entstand in einem Land, das sich intensiv vorbereitet hatte, in einem System, das durchgerutscht war. Und er lässt ahnen, das ist eine Vermutung, keine Rechnung, was in ungezählten anderen Systemen hätte passieren können, um die sich niemand gekümmert hätte.
Der Streit, fair geführt
Die Vorsorge-Seite verweist auf einen oft übersehenen Beleg, der nicht aus der Silvesternacht stammt, sondern aus den Monaten davor. Im Herbst 1999 befragte die Beratungsfirma Capgemini 156 große amerikanische Unternehmen. 82 Prozent berichteten, sie hätten im laufenden Betrieb bereits Jahr-2000-bedingte Ausfälle erlebt – lange vor Silvester. Der Fehler war also kein theoretisches Gespenst. Er biss bereits, nur eben verstreut, klein und reparierbar.
Die Skeptiker-Seite argumentiert mit Ländern, die als schlecht vorbereitet galten und trotzdem heil durch die Nacht kamen. Nur hält die Legende der Prüfung selten stand. Das berühmteste Beispiel Italien gab entgegen dem Farniente-Klischee allein 1999 nach einer Branchenschätzung 2,5 Milliarden Dollar aus. Die oft zitierte Minisumme war lediglich das Bürobudget der Koordinierungsstelle. Und Länder taugen ohnehin schlecht als Kontrollgruppen: Sie unterscheiden sich in Computerabhängigkeit, Systemalter und Ausweichmöglichkeiten zu sehr, als dass sich aus einer ruhigen Nacht die Nutzlosigkeit fremder Milliarden ablesen ließe.
Das Kernrisiko war real. In Banken, Versicherungen, Verwaltungen. Überall dort, wo Software tatsächlich mit Daten rechnet. Dort wurde massenhaft gefunden und repariert. Zugleich war ein Teil der Angst übertrieben.
Ein Erfolg, der sich selbst entwertet
Erfolgreiche Vorsorge sieht im Rückblick aus wie Überreaktion. Ihr bester möglicher Ausgang – es passiert nichts Großes – schwächt zugleich ihren eigenen Beweis. Bei Y2K kommt erschwerend hinzu, dass es keine saubere Kontrollgruppe gab. Zum Vergleich: Seit dem Montreal-Protokoll sinkt die Belastung der Atmosphäre mit ozonabbauenden Stoffen messbar, dokumentiert über Jahrzehnte. Bei Y2K existiert keine solche Kurve des Verhinderten. Messbar sind nur die Fehler, die auftraten, und die Reparaturen, die stattfanden. Nicht die Katastrophe, die ausblieb.
Drei Prüffragen lassen sich aus dem Streit für künftige „War doch alles nichts"-Debatten mitnehmen, von der Pandemie-Vorsorge bis zum Hochwasserschutz: Halten die Vergleiche der Prüfung stand? Was ging schon vor dem Stichtag schief? Und wem nützt die jeweilige Deutung – damals nutzte der Alarm den Beratern und dem Vorratsmarkt, heute nutzt die Legende vom reinen Fehlalarm allen, die bei der nächsten Vorsorgerechnung den Rotstift ansetzen wollen.
Die Fortsetzung ist übrigens bereits datiert, auf die Sekunde. Am 19. Januar 2038 um 3 Uhr, 14 Minuten und 8 Sekunden Weltzeit laufen die alten 32-Bit-Zeitwerte über, mit denen Systeme in der Unix-Tradition die Sekunden zählen. Ein anderer Fehler als damals, menschlich derselbe: eine Sparentscheidung von einst, die zur Frist von morgen wird.
Zur Folge
In der aktuellen Ausgabe von Daniels Daily arbeitet Daniel Fürg die Aktenlage zu Y2K auf – von den Protokollen des US-Senats über die japanischen Behördenberichte bis zum Sheffield-Fall. Sämtliche Belege stehen mit Quellen auf der Episodenseite.