Die Statue
Am 28. Oktober 1886 wurde im New Yorker Hafen die Freiheitsstatue eingeweiht. Seither streiten Amerikaner und die Welt darüber, wofür sie steht — Zuflucht oder Grenze, Versprechen oder Bedingung.
Am Nachmittag des 28. Oktober 1886 liegt der New Yorker Hafen im Nebel. Es regnet. Präsident Grover Cleveland hat auf eine kleine Insel übergesetzt, Kriegsschiffe feuern Salut, und oben in der verhüllten Kolossalfigur steht der französische Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi. Auf ein missverstandenes Signal hin zieht er die Trikolore mitten in die laufende Festrede hinein vom Gesicht der Statue. Der Jubel verschluckt den Rest. Vor der Insel liegt zur selben Zeit ein gecharterter Dampfer. An Bord: Frauenrechtlerinnen, die lautstark darauf hinweisen, dass hier die Freiheit als Frau gefeiert wird, während Frauen in den Vereinigten Staaten noch kein landesweit gesichertes Wahlrecht haben.
Der Streit um die Deutung dieses Monuments ist exakt so alt wie das Monument selbst. 140 Jahre später ist er nicht beigelegt, sondern verschärft. Was die Statue meint, hängt davon ab, wer gerade spricht — und wofür er sie braucht.
Die vergessene Fessel
Die Idee entstand nicht in New York, sondern in Frankreich. Der Rechtsgelehrte Édouard de Laboulaye, Bewunderer der amerikanischen Verfassung und engagierter Gegner der Sklaverei, warb nach dem Ende des Bürgerkriegs für ein Denkmal — ein Geschenk des französischen Volkes an das amerikanische. Das Wort Freiheit trug damals mehrere Bedeutungen zugleich: die republikanischen Ideale, die Unabhängigkeit, die Freundschaft der beiden Nationen und die gerade erkämpfte Abschaffung der Sklaverei.
Deshalb liegt zu Füßen der Statue bis heute eine zerbrochene Fessel samt Kette. Vom Boden aus ist sie kaum zu sehen, und sie gehört zu den am stärksten überlagerten Schichten des Bauwerks. Die Emanzipationssymbolik der Gründerzeit wurde von der späteren Einwanderungsdeutung überstrahlt, nicht gelöscht — nur unsichtbar gemacht.
Dass die Statue am Ende überhaupt steht, verdankt sich keiner Regierung und keinem Mäzen. Frankreich zahlte die Figur, Amerika sollte den Sockel finanzieren, und das zog sich. Mitte der 1880er Jahre fehlten noch rund 100.000 Dollar. Der Verleger Joseph Pulitzer, selbst einst mittelloser Einwanderer aus Ungarn, versprach 1885 in seiner New York World, jeden Spendernamen zu drucken — unabhängig vom Betrag. In wenigen Monaten kamen rund 100.000 Dollar von etwa 120.000 Menschen zusammen, viele Beiträge bei einem Dollar oder darunter. Der Sockel ist, auch materiell, eine Konstruktion von unten.
Ein Gedicht, das niemand zitierte
Drei Jahre vor der Einweihung bat man New Yorker Autoren um Beiträge für eine Benefizauktion zugunsten des Sockels. Eine der Angefragten war Emma Lazarus, 34 Jahre alt, Dichterin aus einer alteingesessenen jüdischen Familie. Sie kümmerte sich zu dieser Zeit um jüdische Geflüchtete, die vor den Pogromen im Russischen Reich nach New York kamen. Ihr Sonett The New Colossus lässt die Statue selbst sprechen:
Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free.
Bei der Einweihung 1886 zitierte diese Zeilen niemand. Lazarus starb im Jahr darauf, mit 38. Erst 1903 ließ eine Freundin das Gedicht auf einer Bronzetafel im Sockel anbringen. Zur Stimme der Statue wurde es erst Jahrzehnte später — und dann aus zwei Gründen gleichzeitig.
Der eine war die Lage. 1892 eröffnete auf der Nachbarinsel die Einwanderungsstation Ellis Island. Millionen kamen per Schiff, und für viele wurde die Frau mit der Fackel zum ersten Zeichen ihrer Ankunft. Der andere Grund war die breite Wiederentdeckung des Gedichts ab den 1930er Jahren. Die Statue bekam Worte, die ihr ursprünglich nicht mitgegeben worden waren. Daniel Fürg formuliert das in der Folge als Werkstatterkenntnis:
Denkmäler bedeuten nicht einfach, was ihre Erbauer meinen. Bedeutung lagert sich an, Schicht um Schicht, aufgetragen von Spendern, Dichterinnen, Ankommenden und Regierungen, von allen, die das Symbol brauchen.
Willkommen und Bedingungen, seit Tag eins
Der heutige Streit um die Statue läuft entlang zweier Lesarten. Die eine folgt Lazarus: Amerika als Zuflucht, die Fackel als Versprechen an die Müden und Armen. Die andere zeigt auf die Statue selbst — auf die Tafel mit dem Datum der Unabhängigkeitserklärung — und liest sie als Zeichen der Freiheit unter Recht und Gesetz, nicht als Einreiseversprechen.
Ein Blick in den Originaldruck der Festrede von 1886 zeigt, dass beide Positionen von Anfang an verbunden waren. Der Festredner versprach den Armen und Verfolgten der Welt Heimat und Bürgerrecht — und stellte im selben Absatz Bedingungen. Raum und Brüderlichkeit für alle, die die Institutionen des Landes mittragen; wer Frieden und Gesetze bedrohe, bleibe draußen. Willkommen und Bedingungen standen von Beginn an nebeneinander.
Entsprechend lässt sich der Streit der Gegenwart als Fortsetzung eines sehr alten Gesprächs lesen. 2017 verwies ein Berater des Weißen Hauses darauf, die Gedichttafel sei nachträglich angebracht worden — was für die Tafel von 1903 stimmt, nicht für den Text, der 1883 für die Finanzierung des Sockels verfasst wurde. 2019 formulierte der kommissarische Chef der US-Einwanderungsbehörde die berühmten Zeilen in einem Radiointerview um: Gebt mir eure Müden und Armen, die auf eigenen Beinen stehen können. 2025 forderte ein französischer Europaabgeordneter polemisch die Rückgabe der Statue; das Weiße Haus wies das zurück.
Hinter diesen Scharmützeln steht eine größere Frage. Gestritten wird nicht über Kupfer und Bronze, sondern darüber, von wo aus Amerika sich selbst denkt — von seinen Idealen her oder von seinen Grenzen. Dass das Monument diesen Streit seit 140 Jahren aushält, ist keine Schwäche. Ein Denkmal, um dessen Bedeutung niemand mehr streitet, ist zu Stein geworden.
Zur Folge
In der 50. Ausgabe von Daniels Daily erzählt Daniel Fürg zum 140. Jahrestag der Einweihung drei weniger bekannte Geschichten der Freiheitsstatue — die zerbrochene Fessel, Pulitzers Spendenkampagne und die späte Wirkung des Lazarus-Gedichts — und schließt mit drei Beobachtungen, die sich auch auf deutsche Denkmaldebatten übertragen lassen. Die Festrede im Originaldruck, die Chronik des Deutungsstreits und das vollständige Sonett sind auf der Episodenseite verlinkt.