Die Weltbühne
Vor der 81. Generaldebatte in New York steckt die UN in einer der schwersten Finanzkrisen ihrer Geschichte, verhandelt ihre Führung neu — und bleibt trotz aller Blockaden der einzige Ort, an dem 193 Staaten zusammensitzen.
Eine Überweisung über 725 Millionen Dollar, geleistet in letzter Minute, damit das Gründungs- und Gastgeberland sein Stimmrecht in der eigenen Generalversammlung nicht verliert: So beginnt die diplomatisch wichtigste Woche des Jahres. Die Vereinigten Staaten, veranlagt für 22 Prozent des regulären UN-Haushalts, entgingen mit der Zahlung vorerst dem Griff von Artikel 19 der Charta. Allein dem Kernhaushalt schulden sie danach immer noch 1,3 Milliarden Dollar. Der Vorgang ist mehr als eine Buchungsnotiz. Er beschreibt in einer einzigen Bewegung, wie es um die Organisation steht, deren 81. Generaldebatte an diesem Dienstag in New York eröffnet wird.
Ein Kernhaushalt kleiner als der Etat Münchens
Der beschlossene reguläre Kernhaushalt für 2026 beträgt 3,45 Milliarden Dollar. Das ist weniger, als die Stadt München in einem Jahr ausgibt. Trotzdem steckt die UN in einer ihrer schwersten Finanzkrisen. Nicht die Größe der Summen ist das Problem, sondern die Zahlungsmoral der Mitglieder. Im Januar warnte Generalsekretär António Guterres intern vor einem drohenden finanziellen Zusammenbruch. Zahlungen aus Peking und Washington und eine geänderte Finanzregel haben seither Luft verschafft, gelöst ist damit nichts.
Die strukturelle Antwort trägt den Namen UN80. Das Reformprogramm hat den Kernhaushalt um rund sieben Prozent verkleinert, ursprünglich vorgeschlagen waren gut fünfzehn. Etwa 2.900 Stellen sollen zum Jahreswechsel entfallen, Verwaltungsdienste werden gebündelt, Aufgaben in günstigere Standorte verlagert, sämtliche Mandate geprüft. Guterres nennt das Modernisierung. Im Apparat kursiert eine bittere Kurzformel für dasselbe Programm, die der UN-Experte Richard Gowan zitiert hat.
Früher versprach man, mit weniger Geld mehr zu leisten. Inzwischen lautet die Devise: weniger mit weniger.
Zwei Dinge sind dabei nüchtern festzuhalten. Diese Krise ist wesentlich politisch gemacht — die großen Beitragszahler behandeln die Organisation derzeit eher als Kostenstelle denn als Investition. Und ein Apparat, der über acht Jahrzehnte gewachsen ist, hat tatsächlich Doppelstrukturen. Nicht jede Kürzungsforderung ist ein Angriff auf den Weltfrieden.
Die unsichtbare Verwaltung der Globalisierung
Wer die UN allein am blockierten Sicherheitsrat misst, übersieht die Etage, die täglich funktioniert. Das Welternährungsprogramm erreichte im vergangenen Jahr 121 Millionen Menschen, das Flüchtlingshilfswerk arbeitete für den Schutz von rund 129 Millionen Vertriebenen und Staatenlosen, UNICEF impfte 39 Millionen Kinder gegen Masern. Die Zahlen messen Verschiedenes und dürfen nicht addiert werden. Sie zeigen aber eine Größenordnung, die in New Yorker Debatten leicht verschwindet.
Dazu kommt eine Verwaltung, die kaum jemand als UN wahrnimmt. Der Weltpostverein sorgt dafür, dass ein Brief nach Australien ankommt. Die Zivilluftfahrtorganisation und die Seeschifffahrtsorganisation setzen die Standards für Ferienflieger und Containerfrachter. Die Fernmeldeunion koordiniert Funkfrequenzen und Satellitenpositionen. Die Weltgesundheitsorganisation setzt medizinische Normen. Diese Verflechtung erklärt, warum selbst Regierungen, die im Plenarsaal gegen die UN wettern, ihre Mitgliedschaft behalten.
Bei der Kernaufgabe dagegen — Kriege verhindern, Kriege beenden — ist die Bilanz düster. Ukraine und Gaza blockiert, im Iran-Krieg dieses Jahres scheiterten weitergehende Schritte an den Vetos Chinas und Russlands. Das ist der Kern jeder berechtigten Kritik. Er ist so alt wie die Organisation. Das Veto war 1945 der Preis dafür, dass die Großmächte überhaupt beitraten. Der Sicherheitsrat wurde nie dafür gebaut, ein entschlossenes ständiges Mitglied zu überstimmen, sondern dafür, dass diese Mächte einander weiter gegenübersitzen.
Ein Rennen um die Nachfolge, entschieden im blockiertesten Gremium der Welt
Unter jeder Rede dieser Woche läuft eine Personalie mit. Ende Dezember endet Guterres' Amtszeit. In fast 81 Jahren hat noch nie eine Frau die UN geführt, die Generalversammlung hat die Mitgliedsstaaten diesmal ausdrücklich ermutigt, Frauen zu nominieren. Nach informeller Rotation gilt Lateinamerika samt Karibik als an der Reihe.
Das Feld hat sich am vergangenen Wochenende sortiert. Chiles frühere Präsidentin Michelle Bachelet zog ihre Kandidatur zurück — einen Tag nach einer geheimen Probeabstimmung, in der sie nach durchgesickerten Ergebnissen nur noch eine ermutigende Stimme erhielt. Vorne liegen jetzt Rebeca Grynspan aus Costa Rica, Chefin der UN-Handels- und Entwicklungsorganisation, und Carolyn Rodrigues-Birkett, Guyanas UN-Botschafterin und frühere Außenministerin. Beide tragen mehrere abratende Stimmen mit sich, ohne dass bekannt wäre, von wem sie stammen.
Genau darin liegt die Ironie des Verfahrens. Für die Empfehlung des Sicherheitsrats braucht eine Kandidatin mindestens neun der 15 Stimmen und kein Veto aus Washington, Peking, Moskau, London oder Paris. Die Vorauswahl für den obersten UN-Posten trifft also ausgerechnet das Gremium, dessen Blockaden die nächste Spitze bewältigen muss.
Kein Weltparlament, sondern Infrastruktur des Gesprächs
Der Vergleich mit dem Völkerbund, den Kritiker gern bemühen, hält der Zahl nicht stand. Der Vorgänger verlor in den 30er Jahren seine Glaubwürdigkeit, die USA traten nie bei, Japan, Deutschland und Italien gingen. Die UN besteht seit fast 81 Jahren. Kubakrise, Vietnam, Afghanistan zweimal — dauerhaft ausgetreten ist in dieser Zeit kein einziges Mitglied. Indonesien erklärte 1965 seinen Rückzug und kehrte binnen eines Jahres zurück. Viele schimpfen, manche kürzen, gegangen ist keiner.
Das ist kein Ruhmesblatt, aber ein Datum. Es stützt eine bescheidenere Definition dessen, was diese Organisation ist: kein Weltparlament, keine Weltregierung, sondern die einzige universelle politische Versammlung, in der alle 193 Staaten einen Sitz und eine Stimme haben. Der Ort, an dem einmal im Jahr unverstellt sichtbar wird, wer mit wem redet, wer wen schneidet, wer für was Applaus bekommt — oder, wie im vergangenen Jahr bei Donald Trumps Auftritt, wer keinen mehr bekommt.
Am Vortag der Generaldebatte macht die aktuelle Folge von Daniels Daily den Kassensturz: Was ist die UN im Jahr 2026 noch, wer bezahlt sie, wer führt sie künftig — und woran misst sich der Wert einer Institution, die Kriege nicht verhindern kann und trotzdem der einzige Raum bleibt, in dem alle sitzen. Daniel Fürg bietet drei Beobachtungsfragen für die kommenden Redetage an: wer fehlt, an welchen Stellen der Saal reagiert, was parallel im Sicherheitsrat geschieht.