5. November 2026
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Society & Politics

Ein Brief an meinen Vater: Abschied von Gerd Strehle

Über 120.000 Menschen haben vor knapp einem Jahr meinen auf LinkedIn veröffentlichten Brief an meinen Vater gelesen. Damals schrieb ich über das, was er mir fürs Leben mitgegeben hat. Heute schreibe ich mit schwerem Herzen über das, was von ihm bleibt.

Mein Vater ist verstorben.

Mein Vater, Gerd Strehle, war ein Lebemann. Ein Charmeur, ein kleiner Spitzbub, unglaublich neugierig und mit einer fast magischen Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Er liebte das Leben. Und vor allem die Menschen darin.

Trotz seines vollen Terminkalenders nahm er sich immer Zeit für mich. Als ich noch zur Schule ging, kam er mittags zum gemeinsamen Essen nach Hause. Sonntags machten wir lange Spaziergänge. Und im Urlaub liefen wir stundenlang durch fremde Städte oder am Strand entlang.

Dabei erzählte er mir Geschichten aus den Büchern, die er gerade las. Mit einer solchen Leidenschaft, so viel Farbe und Begeisterung, dass es mich nachhaltig geprägt hat. Ich glaube nämlich, dass es genau diese Momente waren in denen meine Liebe zum Geschichtenerzählen und Schreiben ihren Anfang genommen.

Was ich an meinem Vater besonders bewunderte, war sein Gespür für Menschen, Märkte und Möglichkeiten. Er verstand es, andere für seine Ideen zu begeistern und wirtschaftliches Denken mit Kreativität zu verbinden. Er zeigte mir, wie man aus einer Vision Wirklichkeit macht.

1949 gründeten meine Großeltern väterlicherseits eine kleine Mantelkonfektion. In den 60er-Jahren übernahm mein Vater das Unternehmen und gab ihm den Namen Strenesse. Meine Mutter brachte später ihre unverwechselbare kreative Handschrift ein. Gemeinsam entwickelten sie daraus eine international erfolgreiche Modemarke und schufen etwas, von dem selbst die Großen der Modeindustrie bis heute schwärmen.

Was viele aber nicht wissen: Hinter dem erfolgreichen Unternehmer stand ein sehr privater Mensch, der sein persönliches Leben weitgehend aus der Öffentlichkeit heraushielt. Vielleicht war genau das eine seiner besonderen Eigenschaften: Er musste nicht alles mit der Welt teilen, um in ihr Spuren zu hinterlassen.

Lieber Papa, du hinterlässt so viel mehr als einen Namen, eine Marke oder eine unternehmerische Erfolgsgeschichte. Du hinterlässt Geschichten, die weitererzählt werden. Werte, die weiterleben. Und unzählige Erinnerungen, die mir niemand nehmen kann... auch wenn wir es uns nicht immer leicht gemacht haben ;)

Und jedes Mal, wenn ich selbst eine Geschichte erzähle, wird auch ein kleines Stück von dir darin stecken.

In Liebe, deine Clara

Verfasst vonClara Strehle

Clara Strehle ist Unternehmerin und Gründerin von Clara Strehle Studio. In Co-Kreation mit ihren Kundinnen entstehen hier Maßanzüge für Frauen aus feinsten italienischen Materialien. Aufgewachsen im Modeunternehmen ihrer Familie, arbeitete sie zunächst bei der Pariser Vogue, in der PR bei Tom Ford und als Merchandiserin für internationale Modehäuser wie JW Anderson und Bally. Während der Pandemie entwickelte sie das Format „Sustainable Styling", bei dem sie mit Kundinnen deren Kleiderschränke nach Vintage-Schätzen durchforstete, und daraus entstand die Idee für Maßanzüge, die sich dem Körper der Trägerin anpassen.

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