Female AI Summit: Acht Punkte Abstand
Frauen nutzen KI deutlich seltener als Männer, und ein Teil dieses Unterschieds lässt sich weder mit Alter noch mit Bildung oder Beruf erklären. Im November treffen sich 120 Frauen in Ruhpolding, um das zu ändern. Ausgerechnet in einem Biathlonstadion.
Wer im Winter nach Ruhpolding fährt, kennt die Chiemgau Arena als einen Ort, an dem Menschen mit rasendem Puls auf winzige schwarze Scheiben zielen. Biathlon ist ein Sport der Gegensätze: erst die Anstrengung, dann die vollkommene Ruhe vor dem Schuss. Am 20. November wird in der Arena nicht geschossen. Dann ziehen 120 Frauen in das Stadion unterhalb der Chiemgauer Alpen, um einen Tag lang über künstliche Intelligenz zu sprechen und mit ihr zu arbeiten. Above the Hype heißt das Motte des Female AI Summit, den Janine und Moni von der Agentur mantai5 gemeinsam mit dem Netzwerk Female Business Force organisieren. Gemeinnützig, wie sie betonen. Was am Ende übrig bleibt, soll in Projekte und Gründungen von Frauen fließen.
Der Anlass für das Treffen ist eine Zahl, die man sich merken sollte. Laut einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Initiative D21 aus diesem Jahr nutzen Frauen in Deutschland KI um 16 Prozentpunkte seltener als Männer. Ein Teil davon ist erklärbar, weil Berufe, Branchen und Altersgruppen ungleich verteilt sind. Rechnet man diese Faktoren heraus, bleibt dennoch ein Abstand von acht Punkten. Acht Punkte, für die Lebenslauf und Qualifikation keine Begründung liefern.
Eine Frage des Risikos
Woran liegt es dann? Forschung der Harvard Business School legt eine unbequeme Antwort nahe. Wer dort identische, mit KI erstellte Arbeit bewerten ließ, stellte fest, dass sie schlechter abschneidet, wenn eine Frau sie abgegeben hat. Frauen erhalten zudem weniger Unterstützung von ihren Arbeitgebern und fürchten häufiger, beim Einsatz der Werkzeuge als Schummlerinnen dazustehen. Die Veranstalterinnen ziehen daraus einen Schluss, der das Problem verschiebt: weg von der Frage, was Frauen können, hin zu der Frage, was sie riskieren. Die Daten enthalten allerdings auch eine ermutigende Nachricht. Wo Frauen Zugang zu Weiterbildung haben, schrumpft der Abstand bei der intensiven Nutzung auf rund einen Prozentpunkt. Die Lücke ist also kein Naturgesetz, sie hängt an Gelegenheiten.
Dass es dabei um mehr geht als um Produktivität im Büro, zeigt ein Blick darauf, wer die Systeme gestaltet. Nach LinkedIn-Daten sind Frauen in den Führungsetagen von KI-Unternehmen eine kleine Minderheit. In der schlecht bezahlten Annotation hingegen, wo Menschen Trainingsdaten sortieren und beschriften, stellen sie die Mehrheit. Über Algorithmen, die Bewerbungen vorsortieren, Kreditwürdigkeit einschätzen oder Bilder bewerten, entscheiden also überwiegend Männer, während Frauen die Zuarbeit leisten. Am deutlichsten wird die Schieflage dort, wo KI zur Waffe wird. Ein Bericht des Analyseunternehmens Security Hero kam 2023 zu dem Ergebnis, dass 98 Prozent aller Deepfake-Videos im Netz pornografisch sind. Betroffen sind fast ausschließlich Frauen.
Was Menschen noch können müssen
Das Programm in Ruhpolding folgt deshalb einem Dreischritt, den die Organisatorinnen mit Verstehen, Schützen und Bauen überschreiben. Den Auftakt macht Eva Gengler, Forscherin und Gründerin, die sich mit feministischer KI beschäftigt. Ihr Vortrag trägt den programmatischen Titel "Build AI. Shift Power." und handelt davon, warum der Einsatz von KI auch eine Frage der Machtverteilung ist. Am Nachmittag diskutieren die Autorin und Podcasterin Eva Simone Lihotzky, die Digitalisierungsstrategin Nina Böhm von der Initiative Hack the Bias, Svenja Borgwardt, die KI-Systeme für das Lernen entwickelt, und Anika Gruner, Gründerin eines Unternehmens zur Erkennung von Deepfakes. Ihr Thema ist eine Frage, die in der Debatte um KI häufig untergeht: Was müssen Menschen eigentlich noch können, wenn Maschinen so vieles übernehmen? Urteilskraft vielleicht, die Fähigkeit zu lernen, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
Den größten Teil des Tages aber verbringen die Teilnehmerinnen nicht mit Zuhören. In zwei sogenannten Building Sessions, jeweils in Gruppen von 60 Frauen, wird praktisch gearbeitet, angeleitet unter anderem von den Schwestern Anja und Julie Teßmann, die als KI Sisters auftreten, sowie von Yves Schleich von Path to AI. Mittags wechseln die Gruppen, sodass niemand etwas verpasst. Wer am Abend nach Hause fährt, soll einen eigenen Arbeitsablauf im Gepäck haben und eine realistische Vorstellung davon, wo KI tatsächlich hilft und wo nicht. Zum Abschluss spricht Julia Goelles, Marketingchefin des Münchner KI-Unternehmens Parloa, über sogenannte agentische KI, also Systeme, die selbstständig Aufgaben erledigen, und darüber, wie sie im Marketing bereits eingesetzt werden. Durch den Tag führt der Executive Coach Sabine Gromer.
Ein Raum ohne Rechtfertigung
Man kann einwenden, dass eine Konferenz nur für Frauen genau die Trennung fortschreibt, die sie überwinden will. Die Veranstalterinnen sehen es anders. Wer bei der Nutzung von KI befürchten muss, belächelt oder verdächtigt zu werden, braucht zunächst einen Raum, in dem Fragen und Zweifel nichts kosten. Ausdrücklich eingeladen sind Anfängerinnen ebenso wie Frauen, die bereits selbst Systeme bauen. Programmieren können muss niemand.
Dass der Summit in den Bergen stattfindet und nicht im Konferenzhotel einer Großstadt, ist Absicht. Wer anreist, soll Abstand gewinnen, vom Alltag ebenso wie vom Getöse, das die Debatte um KI seit Jahren begleitet. Wer will, kann das ganze Wochenende bleiben. Am Donnerstagabend lädt Sabine Gromer im WANDL Boutique Hotel zu einem Kamingespräch mit Gin-Verkostung, am Samstagvormittag moderiert Alexandra Mennes von IBM iX einen Brunch, bei dem liegen gebliebene Fragen und Ideen Platz finden sollen.
Das Motto der Veranstaltung ist bewusst zugespitzt: Wer nicht mitbaut, wird mitgebaut. Ob ein einzelner Tag daran etwas ändert, wird sich ohnehin erst später zeigen, an einem gewöhnlichen Montag, an hundertzwanzig Schreibtischen zwischen München und Salzburg.
Fotocredit: KI-generiert