Von außen wirkt alles noch ruhig. Die Welt dreht sich weiter mit ihren alten Serverparks, ihren klassischen Rechenzentren, ihren ausgereiften Algorithmen und bewährten digitalen Infrastrukturen. Doch unter der Oberfläche kündigt sich ein Wandel an, der tiefgreifender sein dürfte als alle technologischen Revolutionen der vergangenen Jahrzehnte: Das Zeitalter des Quantencomputings steht bevor – und es kommt schneller, als viele glauben wollen.
Dabei ist der Diskurs über die neue Technologie merkwürdig gespalten. Auf der einen Seite stehen Wissenschaftlerinnen, Ingenieure, Start-ups und Unternehmen, die bereits heute konkrete Fortschritte feiern – mit Prototypen, ersten Anwendungen und mutigen Visionen. Auf der anderen Seite agiert eine Öffentlichkeit, die zwischen Skepsis, Unverständnis und übersteigerter Hoffnung schwankt. Mal wird Quantum Computing zum Allheilmittel stilisiert, mal zur Spielerei degradiert, die frühestens in zwanzig Jahren relevant werde.
Wer jedoch die Entwicklungen aufmerksam verfolgt, erkennt: Die entscheidenden Weichen werden gerade jetzt gestellt. Und wer wartet, bis das Neue den Alltag erreicht, wird keine Chance mehr haben, rechtzeitig zu reagieren.
Wenn es passiert, wird es nicht wie in den 1990er-Jahren sein, als man Zeit hatte, auf das Internet zu reagieren.
William Hurley
Zwischen Hype und Realität
„Die Welt wird sich verändern – und zwar schneller, als die meisten es wahrhaben wollen“, sagt William Hurley, Gründer von Strangeworks und einer der prägenden Vordenker der Szene. Während prominente Stimmen wie NVIDIA-Chef Jensen Huang öffentlich erklärten, Quantencomputer seien noch Jahrzehnte entfernt, kontert Hurley: „Das kommt ganz darauf an, welchen Typ von Quantencomputer man meint.“ Schon heute existierten Systeme, etwa sogenannte Annealer, die in konkreten Anwendungen zum Einsatz kämen – etwa bei Optimierungsproblemen in der Industrie.
Und tatsächlich: Unternehmen wie Johnson & Johnson, BP oder Raytheon arbeiten bereits mit quantenbasierten Lösungen. Besonders in der Logistik, Materialwissenschaft und Arzneimittelforschung eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten. Die Kombination aus Quantencomputing und maschinellem Lernen beschleunigt die Simulation natürlicher Prozesse – etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente oder Energieformen – um ein Vielfaches.
Das ist der größte Paradigmenwechsel in der Geschichte des Rechnens. Wir wechseln zum ersten Mal seit Jahrzehnten das zugrunde liegende Architekturprinzip.
William Hurley
Der Fehler liegt in der Angst
Dennoch dominiert in vielen Diskussionen ein anderes Narrativ: jenes der Angst. Vor allem die Sorge um die Sicherheit digitaler Systeme beschäftigt Regierungen und Unternehmen. Werden Quantencomputer eines Tages alle heutigen Verschlüsselungen brechen können? Müssen wir unsere Infrastruktur völlig neu denken?
Hurley hält diese Fixierung auf Bedrohung für gefährlich: „Die Angst lähmt uns. Dabei könnten diese Technologien so viel mehr sein als nur ein Sicherheitsrisiko.“ Statt Panikmache und regulatorischer Blockade fordert er eine Debatte, die die gesellschaftlichen Potenziale in den Mittelpunkt rückt. Er spricht von einem Paradigmenwechsel: weg von Defensivhaltung und Kontrolle, hin zu Neugier und aktiver Gestaltung.
Mit seiner Initiative „SciCurious“ will Hurley Wissenschaft wieder zu einem Thema machen, das alle angeht. Denn die Rechenleistung der Zukunft – so seine These – wird nicht reichen, um die Herausforderungen der Menschheit zu bewältigen, wenn nicht auch mehr Menschen daran mitwirken. „Wir brauchen mehr als nur Wissenschaftlerinnen und Techniker. Wir brauchen eine Gesellschaft, die sich mit diesen Technologien auseinandersetzt und sie sinnvoll einsetzt.“
Europa, Amerika – und Japan?
Im Zentrum dieser Transformation steht eine ungewöhnliche Allianz: die von Quantencomputern und künstlicher Intelligenz. Beide Systeme sind – so glaubt Hurley – voneinander abhängig. „Am Ende wird die Superintelligenz, von der alle sprechen, eine quantengestützte sein“, sagt er. Und wieder stellt er die zentrale Frage: Werden wir in der Lage sein, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten – nicht nur technisch, sondern auch ethisch, rechtlich, gesellschaftlich?
Für Europa sieht Hurley Chancen – aber auch große Versäumnisse. Zwar habe der Kontinent exzellente Grundlagen in der Physik und einige vielversprechende Start-ups hervorgebracht, doch der regulatorische Rahmen bremse die Entwicklung. „Die Politik fokussiert sich zu stark auf Risiken, statt Räume für Chancen zu schaffen.“ Überraschend lobt er in diesem Zusammenhang Japan, das zuletzt durch ausgewogene Regulierung etwa im Bereich Urheberrecht und KI aufgefallen sei – eine Blaupause für andere Länder?